Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 22: Juli/August 2013 | Für eine neue Ordnung der Arbeit!

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Montag, 12. August 2013

Für eine neue Ordnung der Arbeit!

von: Michael Sommer
Hammer

Yups / photocase.com

Wir brauchen in Deutschland eine Neue Ordnung der Arbeit. Denn der deutsche Arbeitsmarkt ist nach drei Jahrzehnten neoliberaler Deregulierung tief gespalten. Inzwischen ist zwar die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze wieder gestiegen, aber auch Niedriglöhne und prekäre Beschäftigungsverhältnisse haben sich massiv ausgeweitet. Diese Entwicklung hat nicht nur in der Gegenwart dramatische Folgen: Aus Arbeitsarmut droht für viele Menschen Altersarmut zu werden. Und diese fortschreitende Spaltung des Arbeitsmarktes wirkt sich unmittelbar auf den Stellenwert und die Bedeutung der Arbeit in unserer Gesellschaft aus.

Die Bedeutung einer gesicherten Erwerbsarbeit

Die Wertschätzung der Arbeit hat enorm nachgelassen, obwohl sie ebenso wichtig ist wie die Wertschöpfung von Produkten. Arbeit ist mehr als reiner Broterwerb, sie ist prägend für unser Gemeinwesen wie für uns selbst. Arbeit ist ein zentraler Bestandteil unseres Lebens. Der Arbeitsplatz ist ein Ort, an dem wir gebraucht werden, Werte schöpfen, gemeinsam mit anderen Menschen etwas erschaffen. Er ist auch ein Ort, an dem wir Selbstbewusstsein tanken, Anerkennung erfahren und unsere Fertigkeiten unter Beweis stellen können. Wir sind bei der Arbeit originell und kreativ, leistungsbereit und fleißig, mutig und verlässlich. Wir helfen uns gegenseitig und ziehen die Schwächeren mit. Die besondere menschliche Fähigkeit zur Solidarität erleben wir Tag für Tag im Büro und in der Fabrik.

Dennoch ist Arbeit auch und vor allem Broterwerb. Unser Wohlstand gründet auf Arbeit. Das gilt für die gesamte Gesellschaft, aber auch für jeden einzelnen. Lob und Anerkennung für die erbrachte Leistung sind wichtig, aber am Ende muss die Kasse stimmen – Lob allein ersetzt keinen Lohn. Gerade wenn es um ihre Arbeit geht, haben die Menschen ein feines Gespür für Gerechtigkeit. Sie sind bereit, Einkommensunterschiede hinzunehmen, wenn sie plausibel und transparent begründet sind.

Die Erwerbsarbeit ist nicht nur die Quelle unseres Wohlstands. Sie gewährt auch Sicherheit für uns und unsere Familien. Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sichert uns ab gegen die großen Risiken des Lebens: Krankheit und Arbeitslosigkeit, Altersarmut und Pflegebedürftigkeit. Das Gefühl, abgesichert zu sein, steigert nicht nur unsere Lebensqualität, es schafft auch Planungssicherheit für sich und die Familie und es garantiert die soziale Teilhabe und das Interesse an Politik und Gesellschaft.

Schließlich käme auch der Staat ohne die massenhafte Erwerbsarbeit in arge Schwierigkeiten. Eine seiner Einnahmequellen ist die Lohnsteuer und auch die Pfeiler unseres Sozialsystems ruhen auf dem Fundament der Erwerbsarbeit. Ob Rente oder Arbeitslosigkeit, Gesundheit oder Pflege – das Geld für die Sozialversicherungen kommt zum größten Teil aus der Erwerbsarbeit. Nicht nur die Arbeitnehmer sind also abhängig von Lohn und Brot. Der Staat ist es ebenso. Bröckelt das Fundament der Erwerbsarbeit, wackeln die Pfeiler des Gemeinwesens und letztlich die politische Legitimität des Staates.

Die Rückkehr der Armut und der Tagelöhner

Wir haben heute in Deutschland den zweitgrößten Niedriglohnsektor aller EU-Länder, – nach Litauen. Das belegen aktuelle Untersuchungen des IAB. Die neoliberale Politik, die diesen Zustand wollte, gab sich das Motto: „Was Arbeit schafft ist sozial!“ (ursprünglich stammt das Motto vom deutschnationalen Hitler-Förderer und Verleger Hugenberg). Nun sehen wir, was diese ungesicherte Arbeit schafft: neue Armut und damit auch zusätzliche Abhängigkeit vom Staat. Die Armutsgefährdung von Arbeitslosen ist in Deutschland europaweit am dritthöchsten, wie diverse Studien der UN und der OECD seit einigen Jahren bestätigen. Und damit nicht genug: Eine weitere Studie der OECD offenbart, dass wegen der Niedriglöhne jeder zweite Beschäftigte in Deutschland eine Rente unter Hartz IV-Niveau bekommen wird.

So bitter diese Diagnose ist, so klar sind auch die für sie Verantwortlichen zu benennen: Zunächst einmal sind da Unternehmer, die Niedriglöhne mit der Absicht zahlen ihre Gewinne zu maximieren, die sie - statt in reale Güter zu investieren - auf den internationalen Finanzmärkten lukrativ anlegen. Und dann schicken sie die Niedriglohnbeschäftigten auch noch zum Staat, damit sie ihren Dumpinglohn mit Sozialleistungen aufstocken, die letztlich der Steuerzahler zahlt.

Doch auch der Gesetzgeber hat sich lange Zeit dem neoliberalen Dogma unterworfen und viele schützende Deiche eingerissen. Er hat den Arbeitsmarkt mit Minijobbern, Leiharbeitskräften und Hartz IV-Aufstockern geflutet. Genau deswegen steht er jetzt in der Pflicht, für eine neue Ordnung der Arbeit zu sorgen. Wir, Gewerkschaften und verantwortungsvolle Arbeitgeber, regeln was wir können, mit Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen - aber wir schaffen es damit nicht allein. Die Politik kann sich nicht weiter ihrer Verantwortung entziehen.

Die Würde des arbeitenden Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft zu sichern – das ist unser Auftrag, Tag für Tag, im Betrieb, in der Politik. Wir haben sehr klare Vorstellungen, was sie regeln muss, um endlich eine Neue Ordnung der Arbeit umzusetzen: Das ist die wichtigste Aufgabe einer neu gewählten Bundesregierung und des neu gewählten Bundestages.

Mindestlohn

Da ist zuerst und vor allem der gesetzliche, flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro. Er ist das Herzstück einer neuen Ordnung der Arbeit. 86 Prozent der Bundesbürger wollen ihn und auch alle Parteien haben seine Notwendigkeit akzeptiert. Allerdings gibt es noch sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie er konkret umgesetzt werden soll. Wir werden uns mit Mogelpackungen und Scheinlösungen nicht zufrieden geben. Deutschland braucht und Deutschland kriegt den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro!

Leiharbeit

Die Tarifvereinbarungen zur Leiharbeit waren ein großer Erfolg für die IG Metall, die IG BCE, EVG und Ver.di. Mit den zeitlich gestaffelten Branchenzuschüssen werden die Löhne der Leiharbeitnehmer schrittweise an die Einkommen der Stammbelegschaften angenähert. Je länger man an einen Betrieb ausgeliehen wird, desto mehr Geld bekommt man. Die Lücke schließt sich. Außerdem müssen die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie in Zukunft mit dem Betriebsrat darüber verhandeln, wenn sie Leiharbeitnehmer einsetzen wollen und spätestens nach 24 Monaten müssen die Betriebe den Leiharbeitnehmern einen festen Arbeitsplatz anbieten. Das muss zum Vorbild für alle Branchen werden.

Wichtig war dabei auch, dass die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte gestärkt wurden. Sie kennen ihren Betrieb, sie wissen, wie hoch der Bedarf an Leiharbeitsbeschäftigten tatsächlich ist. Leiharbeit war und ist immer noch ein beliebtes Schlupfloch für jene Sorte Arbeitgeber, die Lohn- und Sozialdumping für gutes Management halten. Ein Schlupfloch ist nach wie vor die grenzüberschreitende Entsendung von Leiharbeitskräften. Auch dieses muss der Gesetzgeber stopfen.

Nach neuesten Zahlen gibt es in Deutschland zum ersten mal seit Jahren wieder weniger Beschäftigte in Leiharbeit. Das liegt an den Erfolgen der Gewerkschaften, das liegt aber auch daran, dass Arbeitgeber mit Werkverträgen neue Ausweichmöglichkeiten gesucht und gefunden haben.

Werkverträge

Werkverträge bieten Unternehmen die Möglichkeit, für eine begrenzte Dauer Know How einzukaufen, das sie selbst nicht haben und auch nicht dauerhaft vorhalten können oder wollen. Das soll und wird auch in Zukunft möglich sein. Gegen diese, nennen wir sie mal „echte“ Werkverträge, ist nichts einzuwenden. Was wir nicht brauchen und dringend unterbinden müssen, das sind die „falschen“ Werkverträge, bei denen es nur darum geht, Tarifstandards, Kündigungsschutz und betriebliche Mitbestimmung zu umgehen. Es ist beschämend, dass erst zwei Werkvertrags-Arbeitnehmer auf der berühmten Meyer-Werft sterben mussten bevor die Probleme in der Öffentlichkeit wirklich wahrgenommen wurden. Denn schon in der Vergangenheit haben Gewerkschaften immer wieder auf menschenunwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen, auf Dumpinglöhne auf Schlachthöfen oder in der Baubranche hingewiesen.

Auch bei den Werkverträgen brauchen wir dringend neue Regeln. Und natürlich wird es die nicht über Nacht und von alleine geben. Darum müssen den Betriebsräten mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten beim Abschluss von Werkverträgen eingeräumt werden und der für den Auftraggeber-Betrieb zuständigen Gewerkschaft muss ein Verbandsklagerecht gewährt werden, damit überhaupt festgestellt wird, ob ein falscher Werkvertrag, also Missbrauch, vorliegt.

Minijobs

Für Arbeitgeber mögen Minijobs äußerst attraktiv sein. Gesamtgesellschaftlich zeigt sich aber immer wieder, dass sie reguläre Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigung verdrängen. So wurden beispielsweise im Handel in den Jahren 2003 und 2004 100.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze abgebaut und 86.000 Minijobs geschaffen. Der Stundenlohn für Minijobs ist äußerst gering. Mehr als 86 Prozent der Minijobber arbeiten im Niedriglohnsektor, zwei Drittel (66 Prozent) arbeiten für weniger als fünf Euro die Stunde.

Die bestehenden Sonderregelungen für Minijobs bei der Sozialversicherungspflicht müssen endlich beseitigt werden. Die volle Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro muss für alle Arbeitsverhältnisse gelten, auch für Minijobs. Ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro stoppt die Ausbeutungspraxis in diesen Arbeitsverhältnissen.

Befristungen

Auch die Möglichkeit der sachgrundlosen Befristung muss abgeschafft werden. Denn bei ihr geht es ausschließlich um die Umgehung des Kündigungsschutzes. Schon der Name sagt es ja: sachgrundlos. Das heißt nichts anderes, als dass keine plausiblen, in der Sache liegenden Gründe für die Befristung vorliegen. Mit der Abschaffung der sachgrundlosen Befristung wäre viel erreicht. In den westlichen Bundesländern ist fast jede zweite Befristung nicht sachlich begründet, in den östlichen Ländern immerhin fast jede fünfte.

Psychische Belastungen

Durch viele, vor allem technische, Veränderungen wird der Takt in der Arbeitswelt immer schneller. Viele Arbeitnehmer wünschen sich aber mehr Freiraum, mehr Entfaltungsmöglichkeiten, mehr Arbeitszeitsouveränität, mehr Verantwortung und letztlich eine gesunde Work-Life-Balance. Der DGB-Index Gute Arbeit aus dem Jahr 2012 hat ergeben, dass fast zwei Drittel der Arbeitnehmer (63 Prozent) seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen. Jeder zweite gab bei der Befragung an, sehr häufig oder oft gehetzt arbeiten zu müssen. Ein gutes Viertel (27 Prozent) ist auch in der Freizeit für betriebliche Belange erreichbar, jedem Dritten (34 Prozent) fällt es schwer, nach der Arbeit abzuschalten und jeder fünfte Beschäftigte (20 Prozent) leistet pro Woche mindestens zehn Überstunden.

Dieses sogenannte Phänomen der „Entgrenzung der Arbeit“ ist bezeichnend für viele neuentstandene Arbeitsplätze und greift zunehmend auch auf die „alten“ Arbeitsverhältnisse über. Die abnehmende betriebliche Integration der organisierten Belegschaften ist hierfür eine Ursache und zugleich eine der großen Herausforderungen für die Gewerkschaften im 21. Jahrhundert. Ihre individuellen Folgen sind jetzt schon zu spüren. Die ständige Erreichbarkeit der Mitarbeiter, die steigende Arbeitsverdichtung, das Verschwimmen von Arbeit und Freizeit, die Verwandlung von Arbeitnehmern in Arbeitskraftunternehmer und die damit einhergehende Zunahme psychischer Belastungen bis hin zum Burnout sind die Ergebnisse dieser radikalen Flexibilisierung.

Die Gewerkschaften fordern im Bündnis mit Krankenkassen und Sozialverbänden von der Politik „Psychische Schutzverordnungen“. Arbeitnehmer sind keine „Einweg“-produkte. Die Folgen gesundheitlicher Beschwerden zahlen letztlich wieder die Steuerzahler und nicht die Arbeitgeber, die von der Opferbereitschaft der Beschäftigten maßlos profitieren.

Die Erosion der Tariflandschaft

Als Vertreter der Arbeitnehmerinteressen gilt unsere Hauptsorge der Erosion der Tariflandschaft. Wir haben in Deutschland die Tarifautonomie, die ein wesentlicher Pfeiler unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist. Wenn sie förmlich zerfasert, wirkt sich das auch auf den Arbeitsmarkt und letztlich die gesamte Gesellschaft aus.

Nur eine knappe Mehrheit der Beschäftigten im Westen (56 %) bekommt einen Tariflohn und profitiert von tarifvertraglichen Vereinbarungen. Mitte der neunziger Jahre waren es noch mehr als zwei Drittel (70 Prozent). Im Osten hat heute nur ein gutes Drittel der Beschäftigten einen Tarifvertrag (37 Prozent). Vor knapp zwanzig Jahren war es noch gut die Hälfte (56 Prozent). Die Arbeitgeberverbände haben diese Aushöhlung noch gefördert. Sie bieten inzwischen besondere Mitgliedschaften an und zwar ohne Tarifbindung (OT). Das ist quasi wie ein Restaurantbesuch ohne Essen. Und das Angebot wird erschreckend gerne angenommen: Zwei Drittel der Arbeitgeberverbände (67 Prozent) bieten solche so genannten OT-Mitgliedschaften (ohne Tarifbindung) an und jedes dritte der dort organisierten Unternehmen (32 Prozent) macht davon auch Gebrauch.

Das gesetzliche Instrument der Allgemeinverbindlichkeitserklärung (AVE) kann gegen diesen Zustand eingesetzt werden, denn mit ihr können Tarifverträge auf andere tariflose Branchen und Unternehmen übertragen werden. Sie gibt es in den meisten EU-Mitgliedsstaaten. In den vergangenen beiden Jahrzehnten ist ihre Bedeutung bzw. Anwendung in Deutschland erheblich zurückgegangen; von 1991 bis 2011 ist die Zahl der allgemeinverbindlichen Tarifverträge von 622 auf 495 gesunken. Bezogen auf die gültigen Ursprungstarifverträge sind heute nur noch rund 1,5 Prozent der Tarifverträge allgemeinverbindlich. Anfang der neunziger Jahre waren es noch 5,4 Prozent.

Vor allem die 50-Prozent-Marke verhindert die Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen in Deutschland, denn in den Branchen, in denen sie dringend notwendig wäre, wird dieses Quorum oft verfehlt. Wir werden uns damit nicht abfinden. Darum fordert der DGB, das Quorum zu streichen und das öffentliche Interesse zu präzisieren. So ließe sich der Schutz tarifvertraglicher Regelungen ausweiten und dem Dumpingwettlauf bei Löhnen und Arbeitsbedingungen ein Riegel vorschieben. Der Staat kann aber noch mehr tun, um das Tarifsystem zu stärken. Schließlich ist der Staat als Auftraggeber und Kunde kein unerheblicher Akteur der Volkswirtschaft.

Tariftreue

Erst in den vergangenen Jahren ist die Diskussion über Tariftreue bei der Vergabe öffentlicher Aufträge richtig in Gang gekommen. Mehrere Bundesländer haben inzwischen Vergabegesetze verabschiedet, die vorschreiben, dass bei öffentlichen Aufträgen auf Tariftreue bzw. die Zahlung von Mindestlöhnen zu achten ist. Die Handhabung ist natürlich am einfachsten, wenn es endlich einen gesetzlichen Mindestlohn gibt.

Fazit

Es gibt eine Schattenwelt hinter der glänzenden Fassade des prosperierenden und immer reicher werdenden Deutschland: Die hart arbeitenden Kolleginnen und Kollegen, die sich in prekären Arbeitsverhältnissen über Wasser halten und nie das sichere Ufer einer gut bezahlten Festanstellung erreichen und schon gar keine auskömmliche Altersabsicherung. Oder die meist langzeitarbeitslosen Menschen, die im Labyrinth des Hartz IV-Systems umherirren und nicht herausfinden können.

Dennoch pilgern Politiker, Journalisten und Wissenschaftler aus dem Ausland nach Deutschland, um das vermeintliche Wirtschafts- und Beschäftigungswunder zu studieren. Deutschland wird zum Mekka all jener, die immer noch an die Magie der Märkte glauben.

Wir sagen: Nachdem man sich jahrzehntelang ausnahmslos an den Bedürfnissen des Marktes orientiert hat, ist es an der Zeit, sich den Bedürfnissen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zuzuwenden. Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit und der ökonomischen Klugheit. Denn die deutsche Wirtschaft bleibt nicht mit Niedriglöhnen international wettbewerbsfähig, sondern mit gut ausgebildeten, innovativen Beschäftigten. Und es ist ein Gebot der politischen Klugheit: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind schließlich auch Wählerinnen und Wähler. Die allseits beklagte Krise der demokratischen Repräsentation hat sehr viel mit den neoliberalen Arbeitsverhältnissen zu tun. Es sind gerade die Niedriglöhner und Erwerbslosen, die nicht mehr zur Wahlurne gehen, wie jüngst eine Bertelsmann-Studie belegte.

Wichtige Akteure in der Politik haben offensichtlich verstanden, worum es geht. Das legen zumindest die Programme der Parteien zur Bundestagswahl nahe. Aus Programmen müssen nach der Wahl „nur noch“ Gesetze werden. Denn es ist die originäre Aufgabe von Politik, gerechte, schützende sowie verbindliche Regeln für die Arbeit von Menschen zu schaffen und deren Einhaltung auch zu kontrollieren. Ein Politikwechsel für eine solidarische und gerechte Gesellschaft ist seit langem überfällig. Nur mit ihm werden wir eine Neue Ordnung der Arbeit errichten können.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

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jenny schrieb am 29. September 2013 um 10:39 Uhr:

Wenn ich mir die IAB Statistiken ansehe, dann stellt man fest, das allein bei Hochqualifizierten ein Stellenaufbau sv-Stellen stattfindet, aber nicht bei mittleren Qualifikationen.
http://hamburg-stadtfueralle.de/wp-content/uploads/06.03._Entwicklung-der-Besch%C3%A4ftigung-in-HH-Anzeichen-f%C3%BCr-eine-Spaltung-des-Arbeitsmarktes.pdf
Wenn ich mir dann noch ansehe, dass für mittlere Qualifikationen immer weniger Stellenausschreibungen vorhanden sind bzw. teilweise eine Tendenz Richtung Hilfsarbeiterstellen zu konstatieren ist, dann kommt mir der Gedanke, es könnte evtl. mit am Ausbildungssystem liegen, dass es Stellenabbau für Personen mit Ausbildung gibt.
http://www.bz-berlin.de/aktuell/berlin/geheimer-5-punkte-plan-gegen-hartz-iv-murks-article1722041.html

Qualifizierteres Personal: Statt Fachassistenten (mittlerer Dienst) will der Senat mehr Sachbearbeiter (gehobener Dienst) in den Leistungsabteilungen einsetzen.
Ist es auch in DE so, dass immer mehr Personen nachher nicht im erlernten Beruf arbeiten? Kann es sein, dass die Konzentration auf nur wenige Berufe auch dazu führt das zu viel über Bedarf ausgebildet wird was die Löhne drückt und die sv-pflichtige Beschäftigung erodieren lässt. Oder bildet man in DE zu viel gezielt im Niedriglohnsektor aus. Wenn ich schon lese, es gehört in der Gastronomie zum "Geschäftsmodell" möglichst viele Azubis auszubilden, aber dann nicht zu übernehmen, sondern den Nächsten zu holen.... die Ausbildung dauert 3 Jahre. Wäre es da nicht klüger und fairer den jungen Menschen wenigstens ein Abitur/FHR mitzugeben, falls sie mal über Bedarf ausgebildet werden? Dann können sie sich wenigstens eigenständig ohne Hilfe der ARGE danach selbst umqualifizieren. Was bei Arbeitslosigkeit ohne Abitur nur MIT der Gnade der ARGE sonst geht. Und die will oft nicht für Umschulungen zahlen - und schon sitzt man in der Niedriglöhnerfalle.
DE muss dringend ein richtiges Weiterbildungs/Umschulungs/Qualifizierungssystem gründen.
Außerdem qualifiziert die duale Ausbildung zu wenig. Ich hab mir die Mühe gemacht und die Bildungssysteme der Länder miteinander verglichen. Es ist in den meisten Ländern üblich, dass jede Highschool/Sekundarstufe II zu einem relevanten Schulabschluss führt, der einen unverzüglich den Weg in weitere Bildungsmaßnahmen ermöglicht. Das verkürzt Bildungswege.
http://forum-kritische-paedagogik.de/start/?p=130
http://kurier.at/wirtschaft/wirtschaftspolitik/jeder-vierte-arbeitnehmer-uebt-nicht-den-erlernten-beruf-aus/28.645.446
Wenn ich nur mal mich selbst als Beispiel nehme - ich hab auf dem platten land gelernt, wo es keine Abendgymnasien gab. Hätte man mir in der Ausbildung gleich einen weiteren Schulabschluss mitgegeben oder die Ausbildung als Highschoolabschluss wie anderswo anerkannt, so hätte ich es wesentlich ! leichter gehabt, diesen aus meiner Sicht schlechten Beruf wieder unverzüglich zu verlassen statt in einer Sackgasse festzuhängen. Das kostete meine Lebenszeit. Heutzutage findet man damit immer weniger vernünftige Stellen.
Man kann sich sicher vorstellen, wie wütend ich war, als ich erfahren hab, dass das überall - von GB bis Polen und Sonstwo der STANDARD ist, dass ein Highschoolschüler Zugang zur höheren Bildung erhält.
Ich hingegen muss mehrfach eine Sekundarstufe besuchen, meine Lebenszeit dabei vergeuden und hab jetzt ständig das Problem, es im Arbeitsmarkt schwerer zu haben aufgrund des umständlichen 2. und 3. Bildungsweges.
oder was glaubt man in DE hat ein Bekannter von mir für Berufsaussichten gehabt, als der mit erst 38 als Maschinenbauingenieur vom 2. Bilungsweg einsteigen wollte? Der hatte schon Lebenszeit beim Nachholen des Realschulabschlusses verloren.
unverantwortlich ist es in DE, ein Schulsystem aus dem 18. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert mitzuschleppen, obwohl mittlerweile jeder Depp wissen könnte, dass die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung schon lange darauf hinauslaufen, dass sich das Gehirn individuell noch bis in die Spätpupertät verändert. Ein absolut unwissenschaftliches Schulsystem behält man in DE bei. Ebenso unzeitgemäß ist es, dass man meint, ein 15jähriger pupertierender Teenager könnte in der heutigen Zeit noch als Azubi untergebracht werden.
und was macht man in DE mit den Kindern? Man schleust sie bis 20 oder länger in einen Wust von Maßnahmen, anstatt es wie in Dänemark zu machen und ein systematisches System schulischer Qualifikation zu installieren, wo sie zeitgleich direkt eine Ausbildung erhalten, anstatt ewig darauf zu warten. Wer dann Koch lernen will, kann es dort gleich lernen, bekommt dann aber auf Wunsch zeitgleich noch einen weiterführenden Schulsystem mit. Solche jungen Leute gelten in DE weiterhin als ungelernt, weil hier alles betrieblich sein muss.

Alex Schmitt schrieb am 31. August 2013 um 17:02 Uhr:


Ralf schrieb:

Alex Schmitt schrieb:
Ralf schrieb:
Es gibt drei Hindernisse, die ein solches Vorgehen behindern:
1. die Unternehmensmitbestimmung;
2. das gesetzlich limitierte Streikrecht;
3. die tägliche Hirnwäsche.
An ihren Thesen ist leider alles falsch. Nicht die Produktivität ist entscheidend, es sind die Lohnstückkosten. Sogar die "Welt" hat diesen Zusammenhang begriffen und fast richtig dargestellt.

Offensichtlich haben Sie sich meine Darlegungen gar nicht durchgelesen.
Ich habe geschrieben, daß die Produktivkraft sich erhöht, ohne daß sich der entsprechende Marktwert für den Ausübenden der Produktivkraft erhöht. Nichts anderes habe ich geschrieben. Das hat gar nichts mit den Lohnstückkosten zu tun, denn diese spiegeln sich ja im "Shareholder-Value" wieder. D.h. der Wertgewinn durch die Erhöhung der Produktivkraft spiegelt sich an der Börse wieder, der Arbeitnehmer muß sich mit einem angeblichen Fachkräfte"mangel" zufriedengeben, dessen Mangel durch Zuzug gelöst wird.
Ich weiß jetzt nicht, was Sie mit "alles falsch" meinen. Ich habe über nichts anderes als die Lohnstückkosten geschrieben, habe mich nur anders ausgedrückt - nämlich über die Terminologie der "Produktivkraft". Eine solche Terminologie gewährt einen anderen Blick auf die Sachlage und personifiziert die Lohnstückkosten.

So, zur Klarstellung. Die Produktivität, oder "Produktivkraft" gilt nur für gesamte Volkswirtschaft, und nur die ganze Volkswirtschaft kann gemeinsam produktiver werden. Weder ich noch Sie können produktiver werden. Die Behauptung, daß die "Produktivkraft" nichts von der steigenden Produktivität abbekommt ist auch nicht haltbar, die Löhne sind in Deutschland höher als z.B. in Ungarn, weil die deutsche Volkswirtschaft mehr Waren und Dienstleistungen pro Stunde in Euro produziert. Dieser Mehrwert schlägt sich immer in höheren Löhnen nieder, oder auf Deutschland bezogen, es müßte sich in den höheren Löhnen niederschlagen. Jetzt verstehe ich auch ihren Einwand, "daß die Produktivkraft sich erhöht, ohne daß sich der entsprechende Marktwert für den Ausübenden der Produktivkraft erhöht." Das gilt heute für Deutschland, oder irgendwelche Diktaturen in der Dritten Welt, es ist aber eine politische Entscheidung zu Gunsten der Unternehmer gewesen, und diese Politik wird nicht nachhaltig und durchhaltbar bleiben. Es ist nur unter dem Mantel des Euros möglich gewesen, die Erhöhung der "Produktivkraft ... ohne entsprechenden Mehrwert für den Ausübenden" zu unterschlagen.
Es ist auch völlig egal welche Lohnstückkosten ein Land hat, zwischen den Ländern liegen immer die Währungen als schützende Hand, um die Menschen vor dem Diebstahl ihrer "Produktivkraft" zu schützen. Die Währungen werten nämlich auf, sobald sich die Produktivität in einem Land erhöht hat. Deswegen ist es unmöglich die Produktivität als Mittel zum Kampf um Exportanteile zu mißbrauchen. Deutschland hatte jetzt die einmalige Chance, unter dem Deckmantel des Euros, diesen Zuwachs der Produktivkraft als Kampfmittel gegen andere Staaten zu nutzten. Griechen, Italiener, Franzosen usw. werden sich dafür noch bedanken.

Ralf schrieb am 30. August 2013 um 17:42 Uhr:


Alex Schmitt schrieb:

Ralf schrieb:
Es gibt drei Hindernisse, die ein solches Vorgehen behindern:
1. die Unternehmensmitbestimmung;
2. das gesetzlich limitierte Streikrecht;
3. die tägliche Hirnwäsche.

An ihren Thesen ist leider alles falsch. Nicht die Produktivität ist entscheidend, es sind die Lohnstückkosten. Sogar die "Welt" hat diesen Zusammenhang begriffen und fast richtig dargestellt.

Offensichtlich haben Sie sich meine Darlegungen gar nicht durchgelesen.
Ich habe geschrieben, daß die Produktivkraft sich erhöht, ohne daß sich der entsprechende Marktwert für den Ausübenden der Produktivkraft erhöht. Nichts anderes habe ich geschrieben. Das hat gar nichts mit den Lohnstückkosten zu tun, denn diese spiegeln sich ja im "Shareholder-Value" wieder. D.h. der Wertgewinn durch die Erhöhung der Produktivkraft spiegelt sich an der Börse wieder, der Arbeitnehmer muß sich mit einem angeblichen Fachkräfte"mangel" zufriedengeben, dessen Mangel durch Zuzug gelöst wird.
Ich weiß jetzt nicht, was Sie mit "alles falsch" meinen. Ich habe über nichts anderes als die Lohnstückkosten geschrieben, habe mich nur anders ausgedrückt - nämlich über die Terminologie der "Produktivkraft". Eine solche Terminologie gewährt einen anderen Blick auf die Sachlage und personifiziert die Lohnstückkosten.

Alex Schmitt schrieb am 30. August 2013 um 12:23 Uhr:


Ralf schrieb:
Es gibt drei Hindernisse, die ein solches Vorgehen behindern:
1. die Unternehmensmitbestimmung;
2. das gesetzlich limitierte Streikrecht;
3. die tägliche Hirnwäsche.

An ihren Thesen ist leider alles falsch. Nicht die Produktivität ist entscheidend, es sind die Lohnstückkosten. Sogar die "Welt" hat diesen Zusammenhang begriffen und fast richtig dargestellt.
"Werden die Lohnkosten ins Verhältnis zur Produktivität gesetzt, schneidet Deutschland ebenfalls besser ab als der EU-Durchschnitt. Insgesamt stiegen die Lohnstückkosten pro Arbeitnehmer in der EU von 2005 bis 2010 um 6,2 Prozent.
In Deutschland gab es auch <b>wegen moderater Lohnabschlüsse</b> nur einen Zuwachs von 3,6 Prozent. Werden die Jahre einzeln betrachtet, so <b> sanken </b>die Lohnstückkosten in Europas größter Volkswirtschaft von 2005 bis 2010 mit Ausnahme der Krisenjahre 2008 und 2009."
http://www.welt.de/wirtschaft/article106239988/Deutsche-Arbeitnehmer-schaffen-mehr-in-weniger-Zeit.html
Stichwort: <b>wegen moderater Lohnabschlüsse</b>. Hier ist der Beweis, die Produktivität stieg zwischen 1991 bis 2011 insgesamt um 34,78%. Auf Jahr gerechnet sind es kaum 1,7%. Wahrscheinlich ist das sogar ein kumulierter Wert, die Produktivität der deutschen Arbeitnehmer steigt also nur um 1,5% pro Jahr an.
Was soll also eine Gewerkschaft als die gerechte Tariferhöhung pro Jahr verlangen? Die Rechnung ist einfach: 1,5% Zuwachs der Produktivität PLUS die ZIEL-Inflationsrate der Währungsunion von 1,9%, macht insgesamt <b> 3,4% </b> mehr Lohn pro Jahr. Gerundet ergibt sich seit 1999 bis 2013 (14 Jahre) eine Lohnerhöhung von 59 % für alle deutschen Beschäftigten, egal ob BeamteIn oder ArbeiterIn/AngestellteIn . Das hätte man hinkriegen müssen, hat man aber nicht überall hingekriegt. Warum? Fragen Sie deutsche Politiker, ihren Arbeitgeberverband und die zuständige Gewerkschaft.
Den Zusammenhang kann man natürlich auch falsch darstellen, Beispiel hier: Institut der Deutschen Wirtschaft : http://www.iwkoeln.de/de/infodienste/iwd/archiv/beitrag/lohnstueckkosten-ist-deutschland-lohnmagersuechtig-28058
Am Ende des Artikel müssen diese "Wissenschaftler" doch feststellen, daß Zitat:"...sind gerade die anderen großen europäischen Volkswirtschaften – Großbritannien, Frankreich und Italien – teurer als Deutschland." Und Frankreich und Italien sind unsere Partner in der Währungsunion, Frankreich sogar der größte Partner, dürfen also diesen Wettbewerbsnachteil nicht über die Abwertung der Währung ausgleichen. Es ist einiges schiefgelaufen bei den Löhnen in Deutschland. Jetzt sich herausreden wollen und zwar mit falscher Rechtfertigung, das ist schon ein Kunststück. Das ist aber ein anderes Thema.

Ralf schrieb am 29. August 2013 um 12:16 Uhr:


Wolfgang Glasbrenner schrieb:
Sehr geehrter Herr Sommer,
ihre Auflistung der Missstände in der schönen neuen neoliberalen Arbeitswelt erscheint vollständig und lückenlos. Diese sei jedem Kämpfer gegen Sozialabbau und prekäre Beschäftigung empfohlen.
Leider scheinen Sie dann beim Fazit die Orientierung verloren zu haben. Mit keiner Silbe benennen Sie die tatsächliche Ursache der prekären Zustände, der Schwächung der Gewerkschaften und der daraus resultierenden Angst der abhängig Beschäftigten sich gegen diese Verhältnisse zu wehren, sowie die Teilung der Gesellschaft. Die Arbeitsmarktreformen der Schröder-Fischer-Regierung, gemeinhin Hartz-Gesetzgebung genannt oder kurz Harz IV, sind dafür verantwortlich.
Warum in aller Welt schaffen es die Gewerkschaftsführer nicht hier klare Kante zu zeigen und die Politik massiv unter Druck zu setzen. Noch immer vertreten die DBG- Gewerkschaften viel mehr Menschen (ihre Mitglieder) als alle Parteien zusammen Mitglieder haben. Und, davon bin ich überzeugt, hat die überwiegende Mehrheit dieser Mitglieder längst Hartz IV als diese Ursache erkannt. Warum nutzen Sie diese „Gegenmacht“ nicht um gegen Hartz IV und gegen diesen neoliberalen Wahnsinn anzugehen?
Ich will hier nicht unterstellen dass die Gewerkschaftsführer ganz eigene Interessen verfolgen, aber manchmal drängt sich dieser Eindruck geradezu auf.
Nicht Anbiedern an die Mächtigen ist angesagt, sondern Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse und zwar solange, bis diese Verhältnisse in der Bananenrepublik Deutschland wieder denen im Grundgesetz bestimmten, sozialen Grundsätzen, entsprechen. Dann kann man auch wieder von der Bundesrepublik sprechen (oder schreiben).

Es gibt drei Hindernisse, die ein solches Vorgehen behindern:
1. die Unternehmensmitbestimmung;
2. das gesetzlich limitierte Streikrecht;
3. die tägliche Hirnwäsche.
Zu 1.:
Die Unternehmensmitbestimmung verursacht Einfluß auf die Unternehmensführung zugunsten der verbleibenden Beschäftigten, hat aber auch Rücksichtnahmen zur Folge. Die Unternehmensmitbestimmung verursacht als eine strukturelle Spannung zwischen den Interessengegensätzen von Kapital und Arbeit, da ja der Wert der "Arbeit" nicht durch ihre Produktivkraft verursacht wird, sondern durch Angebot und Arbeit. Erhöht sich die Produktivkraft hat dies noch lange keine Wertsteigerung der Produktivkraft zur Folge. Die erhöhte Produktivkraft hat zwar unternehmensintern einen höheren Wert erhalten, aber dies bedeutet noch lange nicht, daß die Produktivkraft auch "objektiv" am Markt ihren unternehmensintern objektiven Produktivwert erhält. Die Logik des Marktes verhindert dies: Der Wert der Produktivkraft richtet sich nämlich nach ihrem Angebot auf dem Arbeitmarkt. So wird die Steigerung der Produktivität in einem Unternehmen vom "objektiven" Marktwert der Produktivitätssteigerung abgekoppelt, da lediglich die Arbeitsstruktur die Marktwertsteigerung erhält und nicht der Ausführende der Arbeitsstruktur. Dies nennt man im Business-Deutsch für gewöhnlich "Shareholder-Value". Auf diese Sachzusammenhänge hat die Unternehmensmitbestimmung Rücksicht zu nehmen. Dies ist natürlich eine Gradwanderung, die kontinuierlich auszuhandeln ist.
Zu 2.
Das gesetzlich limitierte Streikrecht ist in Deutschland so ausgestaltet, daß es selten zu großen Streiks kommt. Es wurden viele Hürden aufgebaut, so daß die Gewöhnung an Armut langsam vonstatten. Seit mittlerweile Jahrzehnten geht die Kaufkraft zurück. Dirk Mülller hat es auf den Punkt gebracht: Ausweitung der Geldmenge minus Wirtschaftswachstum ist gleich INFLATION. Bei dieser Rechnung kommt man zu ganz anderen Inflationsraten, als was uns das Statistische Bundesamt in Wiesbaden weismachen will. Es gibt also eine monetäre Aufblähung, die sich durchaus wie bei der US-Immobilienblase entladen kann. Die Verödung in deutschen Innenstädten spricht für sich - interessant dabei: Es gibt Oasen. Was den Quell ihres Wohlstands ausmacht, wird öffentlich leider nicht diskutiert, was wiederum darauf hindeutet, daß der Wohlstandsquell nicht massentauglich ist.
Fazit ist: Solange das täglich Brot auf dem Tisch liegt, wird es kaum politischen Druck geben, das Streikrecht gesetzlich zu ändern. Selbst wenn das Brot mit Glyphosat verseucht ist, womit wir dann
zu 3.
kommen: der täglichen Hirnwäsche. Jeder kennt es, jeder weiß es: Wenn man abends nach Hause kommt, dann will man seine Ruhe, dann will man sich nicht noch mehr mit den alltäglichen Schweinereien in der Welt beschäftigen, weshalb Fußball die zweitschönste Nebensache der Welt - jedenfalls unserer kulturellen Welt - ist. Da bleibt nicht viel Platz zum Nachdenken und man will es auch gar nicht, weil die Psyche heutzutage im Betrieb genug gefordert ist. Dann gibt es noch die vielen Psychotechniken der Arbeitgeber, die darauf abzielen, einzulullen. Es bleibt nicht viel Platz und Kraft, sich mit strukturellen Zusammenhängen auseinanderzusetzen, um zu verstehen, welche Rolle man selbst in dem großen Spiel spielt und welche Rolle man zugewiesen bekommt.

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Michael Sommer
Geboren am 17. Januar 1952 in Büderich

Von 2002 bis 2014 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes
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Fi­dschi: Mi­li­tär­dik­ta­tur un­ter Pal­men
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Artikel von: Dr. Gero Maass
Freitag, 26. Juli 2013
Ni­ce up North – Zur Zu­kunft des nor­di­schen Ka­pi­ta­lis­mus
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Artikel von: Dr. Bernard Schmid
Dienstag, 30. Juli 2013
Frank­reich auf fle­xiblem Kurs
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Artikel von: Stephan Siemens, Martina Frenzel
Mittwoch, 31. Juli 2013
Bur­nout als Fol­ge der Or­ga­ni­sa­ti­on der Ar­beit
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Artikel von: Mareike Richter
Donnerstag, 1. August 2013
Fa­mi­li­e­ner­näh­re­rin­nen: Wenn SIE die Fa­mi­lie er­nährt
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Buchrezension von: Dorothea Forch
Montag, 5. August 2013
Ro­bert Mi­sik er­klärt uns die Fi­nanz­kri­se
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Artikel von: Jonas Westphal
Dienstag, 6. August 2013
Wahl­kampf: Raus aus dem Schlaf­wa­gen!
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Artikel von: Michael Schwemmle
Donnerstag, 8. August 2013
Di­gi­ta­le Ar­beit: do­mi­nant, mo­bil, ge­stal­tungs­be­dürf­tig
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Ausstellungskritik von: Dr. Rainer Fattmann
Montag, 12. August 2013
Was glaubst Du denn?
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Artikel von: Ricarda Scholz
Mittwoch, 14. August 2013
Gleich­stel­lungs­po­li­ti­sche Po­si­tio­nen auf dem Prüf­stand
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Kolumne von: Dieter Pienkny
Mittwoch, 21. August 2013
Ich blog­ge, al­so bin ich.
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Artikel von: apl. Prof. Dr. Sven Jochem
Donnerstag, 22. August 2013
Quel­len de­mo­kra­ti­scher Sitt­lich­keit
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Artikel von: Judith Vorbach, Bettina Csoka
Montag, 26. August 2013
Eu­ro­päi­sche So­li­da­ri­tät für ei­ne faire Ver­tei­lung in Eu­ro­pa
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Buchrezension von: Prof. Dr. Ursula Schumm-Garling
Freitag, 30. August 2013
Out­sour­cing
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