Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 06: November/Dezember 2010 | Krise ohne Ende?

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Montag, 13. Dezember 2010

Krise ohne Ende?

von: Tomasz Konicz

Die Krise scheint kein Ende nehmen zu wollen. Inzwischen wird in den Massenmedien und auf den Finanzmärkten spekuliert, welches Land der Eurozone - nach Griechenland und Irland – als Nächstes unter seiner Schuldenlast zusammenbrechen, und unter den 750 Milliarden Euro umfassenden „Schutzschirm“ der EU flüchten wird. Insbesondere die südeuropäischen Länder Spanien und Portugal - aber auch Italien und sogar Belgien - sehen sich mit einer zunehmenden Zinslast bei der Begebung von Staatsanleihen auf den Finanzmärkten konfrontiert, was als Indiz für die drohende Staatspleite gilt. Die Zinsdifferenz, der sogenannte „Spread“, zwischen den Deutschen Staatsanleihen und denen Spaniens stieg Ende November auf nahezu 2,5 Prozent, bei portugiesischen Bonds sogar auf mehr als vier Prozent an.

Mythen der Krise

Diese fortdauernde Krisendynamik lässt auch den Unmut in der Bevölkerung der Bundesrepublik über die südeuropäischen und irischen Pleitekandidaten anwachsen. Viele Menschen, die seit Jahren den Gürtel immer enger schnallen müssen, sind empört darüber, dass nun auch der deutsche Steuerzahler „die Pleite-Griechen“ oder „die Iren“ mit millardenschweren Kreditzusagen vor der Staatspleite bewahren soll. Während in Deutschland hart gearbeitet und Lohnverzicht geübt werde, hätten die Südeuropäer und Iren sich heillos verschuldet und über ihren Verhältnissen gelebt - so in etwa lauten die in der Springerpresse und an vielen Stammtischen verbreiteten Mythen.

In Abgrenzung zu diesen populistischen Stammtischparolen soll im Folgenden dargelegt werden, wie die miteinander aufs Engste verflochtenen Prozesse der südeuropäischen Verschuldungsdynamik und des sinkenden Lohnniveaus in Deutschland tatsächlich kausal im Zusammenhang stehen. Die Kernthese lautet hierbei: Es war gerade die durch Reallohnsenkungen beförderte, aggressive Exportstrategie der deutschen Industrie, die zu den anwachsenden Schuldenbergen im Süden der Eurozone führte. Die „Exportweltmeisterschaft“ der deutschen Konzerne ging zu Lasten der Lohnabhängigen in Deutschland, wie auch der südlichen Euroländer, die diese deutschen Exportüberschüsse mit ausartender Defizitbildung bezahlten.

Überschüsse und Schulden

Um die Ursachen der Verschuldungsdynamik in der südlichen Peripherie der Eurozone zu ergründen, ist als Erstes ein Blick auf die Leistungsbilanzen in der Eurozone von Interesse. Die Leistungsbilanz - die neben der Handelsbilanz noch die Bilanzen der Dienstleistungen und Geldüberweisungen erfasst - misst die Veränderung des Vermögens eines Landes gegenüber dem Rest der Welt. Dieses Vermögen ändert sich insbesondere durch den Handel mit Waren und Dienstleistungen. Ein Exportüberschuss führt in der Regel auch zu einem Überschuss in der Leistungsbilanz und bedeutet einen Vermögenszuwachs eines Landes gegen den Rest der Welt. 

Seit der Einführung des Euro stiegen nun die Leistungsbilanzdefizite der südeuropäischen Euro-Länder, während Deutschland mitsamt einigen avancierten nordeuropäischen Volkswirtschaften immer höhere Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaftete. Dieses sukzessive Anschwellen der ökonomischen Ungleichgewichte in der Eurozone erreichte bei Krisenausbruch in 2008 seinen Kulminationspunkt: Griechenland verzeichnete ein Leistungsbilanzdefizit von 14,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), bei Portugal waren es 12,1 Prozent und bei Spanien 9,5 Prozent. Irland wies in 2008 ein Leistungsbilanzdefizit von 5,4 Prozent des BIP auf. Diese enormen Defizite in der Leistungsbilanz, die ja einem Vermögensabfluss der betreffenden Volkswirtschaften entsprechen, müssen durch Schuldenaufnahme beglichen werden. Die wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder im nördlichen Zentrum der Eurozone – wie die Niederlande, Österreich und Deutschland – konnten hingegen allein in 2008 Leistungsbilanzüberschüsse zwischen 3,2 und 6,7 Prozent des BIP erringen. Natürlich spielt Deutschland - das 2008 einen Überschuss in der Leistungsbilanz von stolzen 6,7 Prozent erreichte - aufgrund seines ökonomischen Gewichts bei diesen Ungleichgewichten in der Leistungsbilanz eine zentrale Rolle.

Ungleichgewichte

Hans Böckler Stiftung

Bei dieser Impuls-Grafik der Hans Böckler Stiftung sehen wir oben die Leistungsbilanzüberschüsse der Bundesrepublik und unten die Defizite dreier südeuropäischer Staaten. Offensichtlich verhalten sich deutsche Überschüsse und die südeuropäischen Defizite nahezu spiegelverkehrt. Die Intensivierung der deutschen Exportoffensive führt zu steigenden Defiziten in Südeuropa. Und umgekehrt lässt der krisenbedingte Einbruch der deutschen Exporte auch die Defizite im Süden der Eurozone schrumpfen. Die in den Grafiken dargelegten Leistungsbilanzdefizite der südeuropäischen Staaten sind zuvorderst Handelsdefizite. Selbstverständlich stellt die Handelsbilanz den wichtigsten Posten innerhalb der Leistungsbilanz dar. So betrug beispielsweise allein 2007 der deutsche Außenhandelsüberschuss im Spanien-Geschäft satte 22,4 Milliarden Euro. Auch Italien verzeichnete 2007 ein enormes Handelsdefizit von 16 Mil­liarden Euro gegenüber seinem größten Handelspartner Deutschland. In die vergleichsweise kleine griechische Volkswirtschaft exportierten deutsche Konzerne in 2008 Waren im Wert von 8,3 Milliarden Euro. Griechenland führte im Gegenzug Waren im Wert von nur 1,9 Milliarden Euro in die Bundesrepublik aus.

Diese riesigen Handelsüberschüsse der deutschen Exportindustrie wurden in dieser Dimension tatsächlich erst mit der Einführung des Euro möglich. Die europäische Gemeinschaftswährung nahm den südlichen Euro-Ländern die Möglichkeit, mittels einer Währungsabwertung die Konkurrenzfähigkeit ihrer Wirtschaft zumindest teilweise wiederherzustellen. Diese Währungsabwertungen waren beispielsweise in Italien vor der Euroeinführung durchaus üblich. Der Euro bildet tatsächlich einen Grundpfeiler dieser aggressiven exportorientierten Wirtschaftsstrategie deutscher Konzerne.

Leistungsbilanz

www.querschuesse.de

Die größten Außenhandelsüberschüsse bildete die deutsche Exportindustrie vor allem gegenüber den Volkswirtschaften der Eurozone aus, wie in der Grafik zur Entwicklung der Leistungsbilanz dargestellt. Die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands gegenüber den Ländern der Eurozone explodieren regelrecht seit Einführung des Euro Anfang 2002. Seit dessen Einführung hat die deutsche Exportwirtschaft gegenüber der Eurozone bis zum zweiten Quartal 2010 einen riesigen Leistungsbilanzüberschuss von mehr 672 Milliarden Euro angehäuft! In 2007 konnte Deutschland nahezu zwei Drittel seines gesamten Handelsüberschusses von gut 200 Milliarden Euro nur gegenüber den Mitgliedern der Eurozone realisieren. Auch in diesem Jahr hat sich an diesen Relationen nichts geändert: Vom prognostizierten deutschen Außenhandelsüberschuss von 150 Milliarden Euro sollen wiederum gut 90 Prozent auf die Länder der Eurozone entfallen. Mehr als 60 Prozent aller deutschen Exporte gingen im ersten Quartal 2010 in die Europäische Union.

Der Euro bildete ein zentrales Moment der Exportoffensiven der deutschen Industrie, da er den ökonomisch unterlegenen Volkswirtschaften der südlichen Peripherie der Eurozone die Möglichkeit nahm, mittels Währungsabwertungen die eingene Konkurrenzfähigkeit wiederherzustellen. Eine weitere Grundvoraussetzung der deutschen Exportweltmeisterschaft bildete die gezielte Politik der Massenverelendung in der Bundesrepublik selber, die mit den Hartz-IV-Gesetzen durchgesetzt wurde. Hierdurch konnte in Deutschland ein riesiger Niedriglohnsektor entstehen und das Lohnniveau gegenüber den anderen europäischen Staaten gesenkt werden.

Lohnentwicklung

Alle wichtigen statistischen Erhebungen der letzten Zeit weisen darauf hin, dass Deutschland bei der Lohnentwicklung in der Eurozone das Schlusslicht bildet. Zwischen 2002 und 2009 stiegen die nominalen Arbeitnehmergehälter in Deutschland um 11,4 Prozent, während sie im europäischen Durchschnitt um 32 Prozent zulegten. Inflationsbereinigt sind die Einkünfte laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sogar regelrecht eingebrochen: Die Arbeitnehmerentgelte je Arbeitnehmer seien demnach zwischen 2000 und 2008 in Deutschland um neun Prozent gesunken. Kein anderes EU-Land hat laut DIW in diesem Zeitraum einen derartigen Einbruch des Lohnniveaus verbucht. Hier erschließen wir nun die Ursache des Deutschen „Exportwunders“. Dass real rückläufige Lohnniveau in Deutschland ging ja einher mit einer Steigerung der Produktivität der deutschen Industrie. Hieraus ergab sich eine sehr vorteilhafte Entwicklung der Lohnstückkosten in Deutschland – also des Anteils der Löhne an den Kosten einer Ware. In der Bundesrepublik sind die Lohnstückkosten nur um 5,9 % in dem besagten Zeitraum angewachsen, während diese selbst in Österreich, dass den zweitniedrigsten Wert aufweist, um 12,8 % anstiegen. Länder wie Frankreich oder die Niederlande weisen sogar ein Anstieg der Lohnkosten um mehr als 20 % innerhalb der letzten Dekade auf.

Magersüchtig an die Spitze

Deutsche Waren sind auf den Weltmarkt deshalb so konkurrenzfähig, weil sie mit hoher Produktivität von – in Relation zu anderen Industriestaaten – gering bezahlten Arbeitskräften produziert werden. Mit anderen Worten wurde die „Exportweltmeisterschaft“ Deutschlands durch eine fallende Lohnquote, durch einen expandierenden Niedriglohnsektor, durch Mehrarbeit und den Druck der Hartz IV-Gesetze erkauft. Bei Deutschland handelt es sich sozusagen um einen magersüchtigen Vize-Exportweltmeister. Die Lohnabhängigen in der Bundesrepublik mussten sich die Exportweltmeisterschaft der deutschen Konzerne durch beständiges „Gürtel-enger-Schnallen“ vom Munde absparen, wie anhand der folgenden Grafik ersichtlich wird. Diese stellt die prozentuale Veränderung des Exportvolumens der deutschen Industrie und der Konsumausgaben der deutschen Privathaushalte bis zum zweiten Quartal 2010 dar:

Exportvolumen

www.querschuesse.de

Die Exportoffensiven des deutschen Kapitals gingen aber auch zulasten der südeuropäischen Zielländer dieser aggressiven Außenwirtschaftsstrategie, die diese deutschen Exportüberschüsse mit einer Defizitbildung bezahlen mussten – unter der sie nun zusammenzubrechen drohen.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

brandenburger schrieb am 20. Dezember 2010 um 10:25 Uhr:

Krise ohne Ende?
...Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben (Einstein). Und genau aus diesem Grund habe ich das "Gewerkschaftsleben" mit 65 Jahren als lohnabhängiger Sklave gekündigt. Die Kluft zwischen Schein und Wirklichkeit (die ja jeder anders wahrnimmt!) ist, nachdem das Schaf 1989 seinen Henker selbst wählte, im "unfreien" DGB weitaus größer geworden...
Jeder mag nun selbst urteilen, ob die neue gewerkschaftliche Verpackung "GEGENBLENDE" ausreicht, um Hoffnung zu erzeugen oder wieder nur "Schützenhilfe" für Parteien ist. Das ist wohl auch ein wenig vom Lebensalter abhängig und hat bisher ja funktioniert...

Horst Wetzel schrieb am 20. Dezember 2010 um 10:15 Uhr:

Zwei Mal bezahlen
Danke für die Information. Doch es ist meines Erachtens noch schlimmer für die deutschen Arbeiter, denn sie bezahlen zwei Mal! Die Export überschüsse werden ja nicht bezahlt, sondern kreditiert! Und wenn diese Kredite platzen, muss der dt. Steuerzahler für das Risiko der Banken bürgen und bezahlen. Über die hohen Zinsen für das verliehene und die fast Null-Zinsen für das geleihene Geld, machen die Banken das Geschäft mit der Not anderer.
mfg
howetzel

Ingrid Schaper schrieb am 14. Dezember 2010 um 09:36 Uhr:

mehr Informationen
Ich finde den Artikel sehr wichtig für meine Argumentation und hätte mir diese gebündelte Kraft an Argumenten während der Debatte um Griechenland und Irland gewünscht, um den Stammtischparollen fundierter entgegentreten zu können.

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.


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Tomasz Konicz
geb. 1973 in Olsztyn/Polen

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