Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 26: März/April 2014 | Burnout – Das gesellschaftliche Leid der Erschöpfung

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Sonntag, 23. März 2014

Burnout – Das gesellschaftliche Leid der Erschöpfung

von: Prof. Dr. Sighard Neckel
Buchdeckel

Von Sighard Neckel und Greta Wagner gerade erschienen

Wer heute im Frankfurter Bankenviertel Sozialforschung betreibt und Gespräche mit Finanzexperten führt, stößt immer häufiger auf Berichte wie die eines 50jährigen Investmentbankers, der folgendes aus seiner Berufsbiographie erzählt:

Nach sieben Jahren in der Zentrale war ich sehr müde und hatte Burnout. Da war ich so um die 40. Wir hatten früh Kinder gekriegt und natürlich geackert ohne Ende. Aber es war auch so, dass man sich dann erst so richtig selbst erlebt hat, beim Reisen zum Beispiel. Das ist natürlich toll, und dann die Goldkarte und die Platinkarte von Amex und so ein Zeugs. Dieses sich selbst erst spüren, wenn man so hyperaktiv ist. Sobald es dann still ist, wird es leer. Das ist bei vielen Investmentbankern so. Die brauchen diese Spannung des Deal-Machens ‚wir sind die Deal-Maker‘. Das führt zu immer mehr, mehr, mehr bis man dann abstürzt. Also ich war total müde. Dann haben die Ärzte mir gesagt: ‚Du musst sofort raus‘. Hab’ dann eineinhalb Jahre gebraucht…“

In den 1970er Jahren, als der Begriff „Burnout“ von dem amerikanischen Psychologen Herbert Freudenberger geprägt wurde, wurde das Ausgebranntsein vornehmlich in Sozialberufen und bei Lehrerinnen und Lehrern diagnostiziert. Rastloser beruflicher Einsatz und Frustration über die geringe Anerkennung des eigenen Tuns standen typischerweise Pate beim körperlichen und psychischen Zusammenbruch. Heute gilt Burnout als weitverbreitet in der gesamten Berufswelt – von Führungskräften der Wirtschaft über prominente Sportler, Autorinnen und Medienstars bis hin zu Wissenschaftlern, mittleren Angestellten und Hartz IV-Empfängern. Zwischen 2004 und 2012 sind, wie der Bundesverband der Betriebskrankenkassen berichtet, die Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland wegen Burnout um das 18fache gestiegen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales schätzt, dass allein auf psychische Überlastung und Burnout der Ausfall von 54 Millionen Arbeitstagen zurückgeht, eine Zunahme gegenüber 2001 von 60 Prozent. Unter Berufstätigen zwischen 40 und 50 mit einem hohen sozioökonomischen Status ist Burnout am meisten verbreitet. In unteren und mittleren Schichten hingegen, bei Jüngeren und stärker bei Frauen als bei Männern werden zunehmend Depressionen diagnostiziert. Nach aktuellen Studien des Robert-Koch-Instituts leiden ca. acht Prozent der Erwachsenen in Deutschland an einer diagnostizierten Depression. Viele Experten gehen jedoch davon aus, dass sich dahinter ähnliche Symptome wie jene verbergen, die bei Patienten aus höheren Sozialgruppen als Burnout festgestellt werden.

Nicht nur Führungskräfte betroffen

Dennoch stellt Burnout keine „Modekrankheit der Besserverdienenden“ dar, wie dies die Medien neuerdings gerne verbreiten, nachdem sie zuvor den publizistischen Wirbel um Burnout selbst erst angefacht haben. In den Zustand einer totalen Erschöpfung der körperlichen und psychischen Kräfte geraten auch Arbeitslose, alleinerziehende Mütter und gewöhnliche Arbeitnehmer. Führungskräfte mögen ein Burnout als „Verwundetenabzeichen der Leistungsgesellschaft“ (Wolfgang Schmidbauer) herzeigen können, das auf ihren besonderen Einsatz in der Berufswelt verweist, ohne sich dem Stigma einer Depression aussetzen zu müssen. Dieser symbolische Vorteil ändert nichts daran, dass für die Entstehung eines belastungsbedingten Zusammenbruchs ein zumeist länger anhaltender Leidensdruck verantwortlich ist. In den oberen Schichten, die sich an den Schaltstellen der Wirtschaft oder im Zentrum von Organisationen befinden, stellt sich – wie das Zitat des Investmentbankers illustriert – Burnout nicht selten als plötzlicher Einbruch einer persönlichen Erfolgsgeschichte von Macht, Status und Selbstwirksamkeit ein, die mitunter als euphorisch erlebt worden ist. Demgegenüber resultiert die Erschöpfung des Durchschnitts eher daraus, dass die Nöte und Forderungen des Alltags, des Berufslebens und der Familienorganisation den betroffenen Menschen schließlich buchstäblich über den Kopf wachsen.

Krankheit im medizinischen Sinne?

Gleichwohl gehört Burnout nicht zu den medizinisch approbierten Krankheiten. Auch das neueste Verzeichnis von Krankheiten und Gesundheitsproblemen der Weltgesundheitsorganisation von 2013 (ICD-10) kennt Burnout allein als „Problem der Lebensbewältigung“. Und in der Tat: Von einem akuten Burnout wird immer dann gesprochen, wenn sich eine emotionale Erschöpfung mit einer körperlichen Auszehrung verbindet und zu einem massiven Kollaps führt, der die Fortsetzung der bisherigen Lebensführung zumindest zeitweilig unmöglich macht. Chronischer Stress über längere Zeiträume hinweg, ein anhaltendes Gefühl der Überforderung oder Überlastung sowie Enttäuschungen im Beruf werden als Ursachen für Burnout benannt. Für die Umwelt macht sich dies etwa bemerkbar in einer starken Reizbarkeit der betroffenen Personen und einer „Depersonalisierung“ ihrer sozialen Kontakte, denen gegenüber sich Gleichgültigkeit, Distanz und Zynismus verbreitet.

In der Medizin mag die Frage, ob Burnout eine eigenständige Krankheit ist, die sich durch eindeutige Merkmale von körperlichen Erschöpfungszuständen, vom Ermüdungssyndrom oder von Depressionen unterscheidet, von großer Bedeutung sein. Die Sozialforschung indes, die sich für Burnout als ein zeittypisches Phänomen der modernen Lebensführung und heutiger Arbeitswelten interessiert, braucht sich zwischen „krank“ oder „gesund“, „normal“ oder „pathologisch“ nicht zu entscheiden. Wie Emotionen insgesamt ein Bindeglied zwischen Person und Gesellschaft sind, ein Vermittler zwischen dem Körper und dem Sozialen, so kommt auch der emotionalen Erschöpfung die soziologische Bedeutung zu, Auskunft über die Stellung des Einzelnen in seiner sozialen Umwelt zu geben, über Probleme und Konflikte zu informieren, die aus der jeweiligen Lebensführung entstehen.

Aus dem Blickwinkel der Soziologie stellt Burnout ein subjektives Leid dar, für das die medizinische Behandlungsdiagnose einer „Krankheit“ nicht entscheidend ist, da sich in ihm über individuelle Belastungen hinaus gesellschaftliche Probleme des modernen Berufs- und Privatlebens dokumentieren. So sind sich medizinische, psychologische und sozialwissenschaftliche Experten auch weitgehend darin einig, dass Burnout ein meist arbeitsbedingtes Erschöpfungssyndrom darstellt, dessen Ursachen in den Belastungsfaktoren eines gesellschaftlichen Wandels zu suchen sind, der von dem Einzelnen in hohem Maße berufliche Einsatzbereitschaft, eine starke Identifikation mit der Arbeit, zeitliche Flexibilität, persönliche Eigenverantwortung und vermehrte Selbststeuerung bei der alltäglichen Lebensbewältigung einfordert.

Die Zunahme des Burnout-Syndroms im letzten Jahrzehnt ist kein Zufall. Zwar hat die deutliche Zunahme psychischer Erkrankungen auch etwas mit der Umstellung der Dokumentation kassenärztlicher Diagnosen auf das ICD-10-System seit dem Jahr 2000 zu tun. Doch wäre es verfehlt, im Anstieg von Burnout-Befunden, der bereits in den 1990er Jahren massiv eingesetzt hat, allein den Effekt neu eingeführter Klassifikationen zu sehen. Auch bei psychischen Erkrankungen, deren Diagnostik seit langem verlässlich etabliert ist, steigen die Fallzahlen kontinuierlich, und dies, obgleich der Gesamtkrankenstand in der Arbeitswelt seit Jahren insgesamt sinkt.

Wettbewerbsgesellschaft

Im Burnout-Syndrom artikuliert sich augenscheinlich ein weit verbreitetes Unbehagen an den Arbeits- und Lebensbedingungen einer Wettbewerbsgesellschaft, das sich in bestimmten Fällen und Lebensphasen zu einer Erschöpfungskrise steigert. Nicht einzelne Umstände beruflicher Belastung und Konkurrenz sind ursächlich hierfür, sondern das Zusammentreffen zahlreicher Stressfaktoren. In einer Arbeitswelt, die sich gegenüber dem Privatleben entgrenzt und alle auch subjektiven Energien und Motive einfordert, schlägt sich der zunehmende Wettbewerbsdruck in engmaschigen Leistungs- und Erfolgskontrollen nieder, die den Einzelnen dem Gefühl einer dauernden Bewährungsprobe aussetzen. Gepaart mit der Verdichtung und der Beschleunigung der alltäglichen Zeitorganisation sowie der Norm der permanenten Erreichbarkeit, bricht durch die digitale Kommunikation der Beruf weitgehend in die Privatsphäre ein – Feierabend war gestern. Hohe Mobilitätsanforderungen bei gleichzeitiger Zunahme unsicherer und befristeter Beschäftigungsverhältnisse und die gestiegenen Ansprüche, die sowohl Arbeitgeber als auch Beschäftigte an die berufliche Tätigkeit richten, erhöhen den Druck, der auf dem alltäglich hohen Organisationsaufwand auch des Privat- und Familienlebens lastet. In der Arbeit und vielen anderen Lebensbereichen wird heute eine Art Selbstzuständigkeit erwartet, so dass man sich vom Verlauf des eigenen Berufswegs bis zum persönlichen Gesundheitsstatus und dem Schulerfolg der Kinder für alles selber verantwortlich fühlt. Dies hat vielfach zu einer „Verbetrieblichung“ der alltäglichen Lebensführung geführt, der sich auf Dauer viele nicht mehr gewachsen fühlen. Burnout ist weit entfernt davon, nur ein individuelles Krankheitsschicksal zu repräsentieren. Die Erschöpfung ist ein gesellschaftliches Leid und wirft die Frage auf, wie wir künftig leben und arbeiten wollen.

Zuerst erschienen im UNIREPORT 1/2014 der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

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Boreout gibt es auch schrieb am 31. März 2014 um 15:02 Uhr:

http://www.erfolgreich-im-leben.com/blog/karriere-arbeit/boreout-syndrom.html
Nicht nur Burnout, was ist mit der anderen Hälfte? Dem Boreout?
Millionen Arbeitnehmer in DE sehen nur beschäftigt aus, sind es aber nicht. Sinnlos wird massenhaft Zeit am Arbeitsplatz abgesessen, ohne das was zu tun ist.
daher auch viele Multijobber. Da ich auch keinen intelligenten Job habe, den man mehr als 4 Std. pro Tag aushält, überlege ich auch freiwillig Multijobber zu werden und nur Teilzeit plus Minijob zu arbeiten.
Einfach weil es Mc Jobs gibt, wo doch eh Vollzeit nichts zu tun wäre. Da braucht man gar nicht lamentieren, wie schlimm es ist, dass es immer mehr Multijobber gibt. Die Wahrheit ist: es gibt zu wenig interessante und gute Jobs und man kommt nicht an interessante Stellen ran.
Deutschland hat keinen Fachkräftemangel, sondern setzt viele Menschen unproduktiv ein. Vollzeit können viele nicht arbeiten, da kann man lieber einen Minijob hinzunehmen, das ist geistreicher als mancher vermeintliche Vollzeitjob, wo man nur Stunden herumsitzt.
ich kann mich getrost zu den Unterbeschäftigten zählen, ich könnte jederzeit Vollzeit arbeiten, aber es wäre zeitverschwendung, blödes rumsitzen ohne Aufgaben. Da kann ich gleich Prekarier Teilzeitler werden, was soll so eine Zeitvergeudung.
irgendwie scheint die Arbeitskraft in DE nicht richtig verteilt zu sein. Boreout und Burnout gibt es Beides.

Manfred Bartl schrieb am 30. März 2014 um 19:17 Uhr:

Dass Sighard Neckel explizit Hartz IV-Empfänger erwähnt, ist beachtenswert. Der Umstand verweist wie nebenbei darauf, dass Kern des Burnout-Syndroms nicht eine bloße Arbeitsüberbelastung, sondern vielmehr das Missverhältnis zwischen steigendem Arbeitsaufwand und abnehmender bis hin zu gänzlich ausbleibender gesellschaftlicher Anerkennung im Falle des Hartz IV-Empfängers ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Als besonders typische Darstellung des Burnouts habe ich das Bild des "rasenden Stillstands" (von Paul Virilio nach Hartmut Rosa) wahrgenommen: Man schafft und tut und rackert sich ab, aber in keinem einzigen Bereich des menschlichen Strebens und Lebens sind irgendwelche Fortschritte wahrzunehmen. Irgendwann löst sich die Zeit gänzlich auf: Wenn man nach einem halben Jahr den Wiederbewilligungsantrag beim Jobcenter einreicht, denkt man plötzlich: War ich nicht gestern erst hier mit dem letzten Wiederbewilligungsantrag?
Hartz IV muss endlich weg!!!

Gerhard Wichta schrieb am 27. März 2014 um 15:06 Uhr:

Alle persönlichen Belange der Menschen, wie z.B. Ausgeglichensein, eigene Familie, eigene Gesundheit, Wohlbefinden, Zufriedenheit werden brutal und rücksichtslos auf dem Altar des "money" und der jew. Rendite geopfert. Langfristig gesehen werden diese Fehlentwicklungen zu irreversiblen Schädigungen der Menschen führen, die dann naturgemäß auch vererbt werden.
Ich bin froh, dass ich schon auf die 70 zugehe, trotzdem bin jedesmal erschüttert, wenn besonders extreme Beispiele aus dem "Arbeitsleben" den Weg in die Medien finden.

Johann Verver schrieb am 26. März 2014 um 19:40 Uhr:

Man braucht garnicht so hochtrabende Thesen ins Gespräch bringen. Man braucht sich nur die Entwicklung der Arbeitswelt in den letzten 20 Jahren anschauen um zu erkennen das dem arbeitenden Menschen das Lebensgefühl abhanden gekommen ist. Wo ist die Freude über ein Erfolgserlebnis seiner Arbeit, wo bleibt die Anerkennung der Vorgesetzten die sich dafür bedanken das man für ihren Erfolg Überstunden macht, wo ist die kollegiale Verbundenheit zwischen Vorgesetzte und Belegschaft.? und. und. und. Alles ganz einfache Dinge. Einfach sich um die Menschen kümmer die für die Firma/Betrieb arbeiten.

Jürgen Scherer schrieb am 26. März 2014 um 19:08 Uhr:

Mir fehlt der materielle Kern des Ganzen. Die Diagnose ist eindeutig, ebenso die Aussage "Die Erschöpfung ist ein gesellschaftliches Leid und wirft die Frage auf, wie wir künftig leben und arbeiten wollen." Aber warum bleiben die meisten Autor*innen der "Gegenblende" bei solchen Allgemeinplätzen stehen, statt z.B. Klar zu sagen, dass es an den Gewerkschaften liegt, mit der Forderung und dem Kampf für die 30stundenwoche, einen Weg zu beschreiten, der den Arbeitnehmer*innen
aus den aufgezeigten Miseren helfen könnte.
Ja,ja die Theorie und wo bleibt die Praxis?

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