Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 29: September/Oktober 2014 | NACHGEFRAGT bei Heidrun Abel zum Urheberrecht im Internet

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Montag, 8. September 2014

NACHGEFRAGT bei Heidrun Abel zum Urheberrecht im Internet

von: Dr. Kai Lindemann

Das Urheberrecht war früher das Arbeitsfeld von spezialisierten Juristen, die Kreative, Verlage und betroffene Firmen in der komplizierten Materie berieten. Im Zeitalter der Digitalisierung, indem das „geistige Eigentum“ blitzschnell, kostengünstig und in guter Qualität kopiert und via Internet weltweit verbreitet werden kann, sind fast alle Menschen täglich mit den nicht minder komplizierten Fragen des Urheberrechts konfrontiert. Wir brauchen eine neue Trennung zwischen kommerzieller und privater Verwertung im Internet, sagt Heidrun Abel, Vorsitzende des ver.di Bezirks Köln, im Interview mit der GEGENBLENDE.

GEGENBLENDE: Hat der scheinbar unbegrenzte Zugriff auf urheberrechtlich geschützte Werke im Internet Auswirkungen auf unser Verständnis vom Original?

Abel: Gehen wir vom Begriff Original aus, also dem „Ursprung” eines Werkes, sehen wir uns im Netz eigentlich nur Vervielfältigungen gegenüber. Das „Original” ist nicht greifbar. Wenn ich es von der einen Plattform in einen anderen Zusammenhang weitergebe, entferne ich es ja nicht, sondern kopiere es ein weiteres Mal. Deshalb liegt das „Problem” in der einfachen und schnellen Verfügbarkeit in Kombination mit den fehlenden Kenntnissen oder Hinweisen zum richtigen Umgang mit urheberrechtlich geschützten Werken.

GEGENBLENDE: Verschwimmen die Grenzen zwischen UrheberInnen und Nutzern?

Abel: Die Grenzen verschwimmen nicht. Es kann nicht darum gehen, die NutzerInnen gegen die Urheber auszuspielen, nur um von der eigentlichen Tatsache abzulenken, dass die UrheberInnen Anspruch auf eine angemessene Vergütung haben. Dabei wird zwischen Privatkopie und kommerzieller Nutzung unterschieden. Außerhalb des Internets werden die UrheberInnen über Abgaben auf Geräte und Datenträger anteilig vergütet. Ein entsprechendes Modell für das Internet steht noch aus.

GEGENBLENDE: Der Einfluss auf die Nutzung und Verbreitung ihrer Werke wird für die UrheberInnen zunehmend schwerer. Ganz abgesehen von einer angemessenen Vergütung. Ist ein einheitliches Modell möglich?

Abel: Ein einheitliches Modell ist nicht sinnvoll, weil es unterschiedliche Anforderungen für die verschiedenen Nutzungsgruppen gibt. Für professionelle Nutzer gibt es ja jetzt schon funktionierende Regelungen der Vergütung. Es bleibt die Frage, wie es für private Nutzer ersichtlich wird, dass ihr Verhalten zu einer kostenpflichtigen Nutzung führt und wie diese dann unkompliziert errechnet und vergütet werden kann. Zurzeit werden diese Probleme der privaten Nutzer gerne mit einer angeblichen Beschränkung der professionellen Nutzer durch das bestehende Urheberrecht vermischt. Doch dass man für erhaltene Leistungen bezahlen muss, ist schließlich ein marktwirtschaftlicher Konsens. Es braucht vor allem den politischen Willen Berechnungsmodelle auf der Grundlage des bestehenden Urheberrechts durchzusetzen.

GEGENBLENDE: Bieten die neuen Gewohnheiten nicht auch neue Chancen der Vermarktung für die Kreativen?

Abel: Jeder kann über E-publishing, youtube und andere "freie" Plattformen seine Werke im Internet veröffentlichen und damit bekannt machen, d.h. man kann sich relativ günstig und schnell präsentieren und damit für sich werben. Für eine angemessene Vergütung muss urheberrechtlicher Schutz gewährleistet sein und es muss transparente Abrechnungsmodelle geben.

GEGENBLENDE: Wenn qualitativ gute Informationen im Netz kostenpflichtig werden – wie kann da die Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern mit wenig Geld gewährleistet werden?

Abel: Die finanzielle Ausstattung im Bildungs- und Kulturbereich muss so sein, dass auch die kostenpflichtigen Informationen aus dem Netz genauso erworben und bezahlt werden wie z.B. Printmedien und kostenlos genutzt werden können. Darüber hinaus gibt es noch kostenlose Informationsquellen wie Wikipedia, wo AutorInnen ihr geistiges Eigentum kostenfrei zur Verfügung stellen. Das entlässt den Staat nicht aus seiner Verpflichtung den Zugang zu Bildung und Wissen für alle gleichermaßen zu gewährleisten. Bildung und Wissen dürfen nicht kommerziellen Interessen überlassen werden.

GEGENBLENDE: Was kann und muss die Politik tun, um die Struktur des Urheberrechts an das Digitale Zeitalter anzupassen?

Abel: Zunächst muss die Politik den Willen haben, die Nutzungsrechte anzupassen, ohne die Rechte der Urheber zu beschneiden. Im Koalitionsvertrag ab Seite 133 kann man einiges zu den Positionen der Großen Koalition zum Urheberrecht lesen. Wir werden es aufmerksam beobachten und kommentieren, wie die Umsetzung vorangetrieben wird. Feststellen kann man allerdings bei der Lektüre, dass eine klare Unterscheidung der verschiedenen Nutzergruppen von Urheberrechten nach privaten Nutzern und wirtschaftlichen Verwertern fehlt.

GEGENBLENDE: Wie positioniert sich die Gewerkschaft ver.di?

Abel: Mit der Forderung, das Urheberrecht nicht tot zu reden, sondern für die wirtschaftlichen und privaten Nutzungen differenzierte Berechnungsmodelle zu entwickeln, die den Anforderungen des digitalen Zeitalters entsprechen. Darüber hinaus organisieren wir die Freien und Selbstständigen, die als Urheber tätig sind. Und wir bieten unseren Mitgliedern Beratung und Rechtsschutz auch in der Durchsetzung ihrer Ansprüche an.

GEGENBLENDE: Vielen Dank!


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Gunter Haake schrieb am 23. April 2015 um 16:21 Uhr:

Ich sehe den Kommentar von Manfred Bartl leider erst jetzt...
Dass die Informationsgesellschaft beim Ausradieren des kapitalistischen Konsens erst mal die Einkommensbasis der Werkschöpfer ausradiert, die Enteignung also erst mal eine der ohnehin meist Gerinverdienenden ist, können manche Gewerkschafter_innen eben schwerlich als Errungenschaft sehen. Wenn wir den Kapitalismus abschaffen wollen, fangen wir doch besser an einer anderen Ecken an und schützen, bis es so weit ist, gefälligst die UrheberInnen, die davon leben wollen!

Manfred Bartl schrieb am 22. Dezember 2014 um 18:37 Uhr:

Ein Scherz, nicht wahr?! Schon in ihrer ersten Antwort macht Heidrun Abel klar, was sich im Informationszeitalter verändert hat: Schon ein "Original" ist nicht greifbar und es liegen auch keine der Knappheitsbedingung unterliegende Werkstücke (Druckwerke) vor, die als "Waren" vertickt werden könnten. Im Netz sehen wir uns eigentlich nur Vervielfältigungen gegenüber, deren Herstellung Grenzkosten (tangential!) nahe Null verursachen. Es gibt kein Verhalten, das zu einer kostenpflichtigen Nutzung führt, und es wird NIE ein Geschäftsmodell geben, mit dem ein bloßer Abruf von Daten "unkompliziert errechnet und vergütet" werden könnte, geschweige denn die Nutzung! Dass die Informationsgesellschaft den marktwirtschaftlichen - also kapitalistischen! - Konsens radikal ausradiert, ist doch ihre größte Errungenschaft! Manche Gewerkschafter_innen sind offenbar völlig blind für dieses Glück!!

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