Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 26: März/April 2014 | Der Kompromiss als integrative Kraft

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Donnerstag, 13. März 2014

Der Kompromiss als integrative Kraft

Das neue Sozialwort der Kirchen als stellvertretender Konsens

von: Prof. Dr. Gerhard Wegner
Kirchenfenster

Photoriegger / photocase.com

Die ersten Reaktionen auf den neuen gemeinsamen Text von Evangelischer und Katholischer Kirche in Deutschland: „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft. Initiative des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz für eine erneuerte Wirtschaft- und Sozialordnung“[1] waren so, wie man das bei solchen kirchlichen Worten eigentlich fast immer erwartet: Von allen gesellschaftlichen Lagern gab es breite Zustimmung. Nahezu alle großen Organisationen von Gewerkschaften über Arbeitgebern und fast alle Parteien begrüßten die Initiative der Kirchen mit diesem Papier für die Erneuerung der Wirtschaft- und Sozialordnung in Deutschland zu werben. Entsprechend waren auch die Überschriften, die in den großen deutschen Zeitungen diese Initiative veröffentlichten: „Gier sei schuld an Finanzkrise, Kirchen prangern Auswüchse des Kapitalismus an.“ (FAZ) „Kirchen warnen vor menschenfeindlicher Wirtschaftsordnung.“ (Die Zeit) „Kirchen kritisieren Gier der Wirtschaft.“ (Die Tageszeitung) „Die Kirchen geißeln Gier und loben den Staat.“ (Die Welt) „Kirchen wollen erneuerte Wirtschaftsordnung“ (Idea) Ähnlich klang es überall.

Und in der Tat: Das, was mit diesen Überschriften und den breiten positiven Resonanzen zum Ausdruck gebracht wird, ist auch das Anliegen des Papiers. Es geht darum, für einen „verantwortlichen Kapitalismus“ zu werben, für eine Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft, in der wieder das Primat der Politik gilt und die Finanzmärkte nicht die Diktatur über das gesamte wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben ausüben können. Den beiden Kirchen und den Autoren des Papiers saß immer noch die Erfahrung der großen Krise von 2008 im Nacken. Diese Krise war nur dadurch zu bewältigen, dass es in Deutschland eine gründliche Rückbesinnung auf die Qualitäten des klassischen deutschen Sozialstaates gegeben hatte und genau an diesen Qualitäten der herkömmlichen deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung setzt das Papier an und versucht sie in ökologischer, demografischer und sozialer Hinsicht weiterzuentwickeln. Es betont deswegen vom Anfang bis zum Ende, dass Ökonomie und Ethik keinen Gegensatz bilden können. Die neoliberale Auffassung, die gerade unethische Verhaltensweisen wie Gier und Neid als wirtschaftsförderliche Attitüden ins Feld brachte und öffentlich belohnte, wird von den Kirchen scharf gegeißelt. Zudem wird eine ökologische Erneuerung im Sinne einer großen Transformation eingefordert, weil der gegenwärtige Wirtschaftsstil national und international mit den Ressourcen dieses Globus schon jetzt in keiner Weise mehr vereinbar ist. So weit – so gut.

Für diejenigen, die dieses Papier dann allerdings genauer lasen und es mit den vielfältigen politischen Debatten in unserer Gesellschaft abglichen, stellte sich bei näherer Lektüre doch eine gewisse Enttäuschung ein, die sich auch in vielfachen Stellungnahmen artikuliert hat. Bemängelt wird die mangelhafte Konkretisierung vielfacher Formulierungen und in dieser Hinsicht insbesondere das Vermeiden von möglicherweise in der gesellschaftlichen Debatte anstößigen, weil politisch ausgesprochen kontroversen Themen. So wird besonders von Gewerkschaftsseite verständlicherweise eine klare Äußerung zur Einführung eines bundesweiten gesetzlichen Mindestlohnes, wie es im Koalitionsvertrag der großen Koalition vereinbart ist, vermisst. Die entsprechenden Äußerungen im Papier sind ausgesprochen vage und weniger konkret als die Vereinbarung der Bundesregierung. Ebenso erscheinen Äußerungen zu den Hartz IV Reformen als zu wenig prägnant. Das Papier schwankt hier zwischen einer grundsätzlich positiven Haltung zu den Hartz IV Reformen und einer Kritik an ihnen insofern, als sie zur Ausweitung des Niedriglohnsektors in Deutschland beigetragen haben, in dem heute 1/5 der Bevölkerung lebt und nur wenig Chancen hat aus ihm einen gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen. Gab es früher Armut durch Arbeitslosigkeit, so gibt es nun Armut trotz Arbeit. In dieser Hinsicht gibt es eine ganze Reihe weiterer Themen, die bei näherer Lektüre für viele Engagierte unbefriedigend sind, so auch die Äußerungen zur Rente oder gar das Fehlen einer Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer, die von großen Teilen der Kirchen seit langem gefordert wird.

Auch aus den Kirchen selbst finden sich entsprechende Stellungnahmen, die mehr Radikalität in den Äußerungen der Kirchen erwartet hätten und dementsprechend enttäuscht sind. Hier ist auch Kritik an der Verfahrensweise zu finden, wie es zu dem Papier gekommen ist. Dieses Papier ist in einer Expertenkommission der beiden großen Kirchen erarbeitet worden und nicht, wie es seinerzeit beim großen „Gemeinsamen Wort“ 1997 der Fall gewesen ist, durch einen breiten Konsultationsprozess zustande gekommen. Wenn auch die Evangelische Kirche solch einen Konsultationsprozess auch in diesem Fall wollte, so waren die Katholiken nicht dafür und da man sich auf einen Konsens verpflichtet hatte, ist solch ein Verfahren dann auch nicht zustande gekommen. Nach der Veröffentlichung des Papiers ist es allerdings möglich, das Papier auf verschiedenen kirchlichen Medienplattformen[2] zu kommentieren. Die Kommentare werden seitens der Kirchen sorgfältig wahrgenommen und werden auf einem Kongress am 18. Juni 2014 in München auch diskutiert werden. Sicherlich ist das kein Ersatz für eine breite Konsultation – aber die Chance zu einer öffentlichen Debatte über die Grundlagen unseres Gemeinwesens.

Von vielen, die dieses Papier kritisieren, wird dann als ein besonders leuchtendes Gegenbeispiel dafür, wie sich die Kirchen hätten prägnanter äußern sollen, Papst Franziskus erwähnt, der seiner Zeit davon gesprochen hat, dass die Wirtschaft bzw. der Kapitalismus tötet. Solch eine - scharfe Kontroversen auslösende - Äußerung wird als pointierter eingestuft als ein ausdrücklich konsensorientiertes Kompromisspapier. Dabei wird allerdings vergessen, dass eine Äußerung wie „die Wirtschaft tötet“ nun überhaupt nicht dazu geeignet ist, einen Dialog zwischen Kirche und Wirtschaft anzustiften und auch wohl keinen wirklichen gesellschaftlichen Dialog zwischen den verschiedenen Kräften in der Gesellschaft fördern könnte, schon gar nicht in einer Kultur wie in Deutschland, in der dieser Satz doch wohl reichlich übertrieben ist.[3]

Erstaunlich, dass selbst ein markradikaler Liberaler wie Rainer Hank (FAZ) in diese Richtung argumentiert und an dem Kompromisscharakter des Papiers überhaupt keinen Gefallen finden kann. Warum haben die Kirchen nicht zwei Papiere vorgelegt, so fragt er und seziert dann auch noch die einzelnen Mitverfasser des Papiers im Blick auf ihre politischen Haltungen, die angeblich in keiner Weise hätten zusammen finden können. Ganz ähnlich Axel Reimann (Managermagazin), wenn – auch er ein eher markradikaler Mensch – die Worte des Papstes lobt, auch wenn sie irritieren und dann schreibt: „Vielleicht, so sollte man meinen, färbt ja so viel Klarheit und Konfrontationsbereitschaft des Stellvertreters Christi auf die deutschen Bischöfe und die evangelische Konkurrenz ab. Dann wäre die ökumenische Sozialinitiative vielleicht sogar die Mühe der Lektüre wert.“ Man hätte offensichtlich niemanden auf die Füße treten wollen und genau das sei falsch. Will er sagen: Besser Krawall und Konfrontation als Kompromiss und Konsens? Es liegt doch auf der Hand: Hätten sich die Kirche so wie von diesen Herren gewünscht geäußert, so wären eben sie erst recht über sie hergefallen. Offensichtlich geht es hier also um etwas ganz anderes als um das konkrete Papier.

Und das ist das eigentlich irritierende an den kritischen Reaktionen auf dieses Papier. Dass ein solches von den Spitzen beider großen Kirchen gemeinsam verantwortetes Papier längst nicht alle gesellschaftlichen Erwartungen erfüllen kann, war allen Beteiligten von vorneherein klar. Es war auch denen klar, die in diesem Papier – wie der Verfasser dieses Artikels – gerne eine ganze Reihe weiterer Konkretionen gesehen hätte, wie z.B. die klare Forderung nach einem Mindestlohn, nach einer Finanztransaktionssteuer oder kritischerer Äußerungen zur Agenda 2010. Es war aber allen auch klar, dass zumindest für dieses Papier die Devise galt, der Konsens und der Kompromiss zwischen den beiden großen Kirchen in Deutschland, die gemeinsam nach wie vor über 60 % der Bevölkerung in Deutschland ihre Mitgliedschaft nennen können, Vorrang hatte. Entsprechend waren die Gespräche nicht von Tricksereien und gegenseitigen Überwältigungsversuchen, wie man es sonst aus der Wirtschaft oder der Politik kennt, geprägt, sondern von dem Versuch tatsächlich Gemeinsamkeiten zu erarbeiten und sie in eine verständliche und gemeinsam tragfähige Sprache zu bringen. Dies war keine leichte Aufgabe, sondern zog sich über gut 1,5 Jahre in intensiver Arbeit hin. Beide Seiten waren genötigt, an vielen Punkten nachzugeben. Vielleicht hätten die Evangelischen ein bisschen mehr Marktkritik und die Katholischen noch ein bisschen mehr Marktzustimmung in den Text eingebracht. Möglich. Nun hat man sich auf einer mittleren Ebene geeinigt.

So etwas nun grundsätzlich zu verachten und zu gleichgültigen Plattitüden zu erklären, unterschätzt gewaltig die gesellschaftliche Notwendigkeit solcher Kompromisse als integrative Kraft für die gesamte Gesellschaft. Eine demokratische, lebendige und offene Gesellschaft lebt vom Finden solcher Kompromisslinien, mit denen viele Seiten leben können und in denen sich zum Teil auch gegensätzliche gesellschaftliche Interessenlagen einbringen lassen. Die Juristen kennen für solche Prozesse den berühmten Begriff der Leerformel, mit der sich vieles im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschreiben lässt, was ganz und gar nicht leer - im Sinne von überflüssig - ist, sondern was in der Richtung unterschiedlicher Interessenlagen und Sichtweisen ausgelegt werden kann. Genauso bietet dieses Papier jetzt eine gemeinsame Basis, einen gewissen Konsens – mehr als ein Minimalkonsens – für Initiativen der Kirchen zur beanspruchten Erneuerung der Wirtschafts- und Sozialordnung. Gegen den Kompromiss aus reinem Selbstzweck Radikalismen hochziehen zu wollen, zeugt von einer Geringschätzung der demokratischen Kultur. Wer Kompromisse nicht schätzen kann, hat offensichtlich ein Problem.

Nachdem dies nun gesagt wurde, kann man noch einmal mit einem entspannteren Blick in den Text schauen. Und dann fällt zumindest auch auf, dass hier vieles gesagt worden ist, was sich in überhaupt keiner Weise mit klassisch neoliberalen Positionen der Freisetzung der Marktkräfte als deckungsfähig erweist. Das beginnt schon gleich zu Anfang mit der Kritik der Finanzmärkte: „Bei aller positiven Bedeutung der Finanzmärkte, die die Entwicklung vieler Länder erst ermöglichen, ist aber durch ihre gegenwärtige Funktionsweise die Welt nicht nur nicht sicherer, sondern im Gegenteil fragiler geworden.“ (S. 7) Gleich darauf wird die bleibende Benachteiligung des Faktors Arbeit in der Globalisierung erwähnt. Angesprochen werden sodann die bis heute zu spürenden Folgen der fatalen Rettungsaktionen der Staaten zugunsten privater Banken. Und es wird auch nicht davor halt gemacht, die wachsende Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensteilung in den OECD Ländern zu brandmarken. Blickt man dann in die einzelnen Thesen, so beginnt z.B. die These 1 damit, dass wirtschaftliches Handeln keinen Selbstzweck darstellt und nie nur eigennutzorientiert betrachtet werden darf: „Ihr Ziel ist es, die menschliche Entwicklung insgesamt zu befördern, Armut zu beseitigen, reale Freiheiten der Menschen zu vergrößern und so das Gemeinwohl weiter zu entwickeln. Deswegen kann Gewinnmaximierung um jeden Preis niemals eine moralisch akzeptierte Handlungsmaxime sein – schon gar nicht dann, wenn sich mit ihr überhaupt kein realwirtschaftlicher Nutzen verbindet.“ Deutlicher kann man die gegenwärtigen Fehlentwicklungen des neoliberalen Paradigmas der Finanzmärkte kaum benennen. (Was wäre gewonnen gewesen, wenn man hier nun noch geschrieben hätte: Solche Wirtschaft tötet?) Tatsächlich sei die Fragilität der Ökonomie infolge der neuen Paradigmen größer denn je geworden. Das Geld hätte einen falschen Stellenwert erhalten, im gebührt eine strikt dienende Funktion: „Kapital dient der Realwirtschaft und damit den Lebensmöglichkeiten der Menschen – noch präziser: aller Menschen. Wo dieser dienende Charakter verloren geht, geht das Vertrauen der Menschen in die Wirtschaft verloren.“ (S. 16)

Und es wird an alte Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft erinnert, um für alle Menschen ein Leben in Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit zu ermöglichen.  So „bedarf die Marktwirtschaft einer Rahmenordnung, die die wirtschaftliche Betätigung einzelner Menschen und der Unternehmen letztlich in Gemeinwohl dienliche Bahnen hält.“ (S. 17). Die Kritik am Neoliberalismus findet sich immer wieder: „Auch die Ideologisierung der Deregulierung, die die Politik jahrelang dazu drängte, die Märkte, besonders die Finanzmärkte, sich selbst zu überlassen, ist durch die Krise widerlegt worden. Richtig ist vielmehr eine der Grundannahmen der Sozialen Marktwirtschaft: dass nämlich die Märkte eine Rahmenordnung und eine wirksame ordnungspolitische Aufsicht benötigen, damit das Finanz- und Wirtschaftsgeschehen in gemeinwohldienliche Bahnen gelenkt wird.“ (S. 25) Man könnte nun mit der Auflistung entsprechender Zitate noch weiter durch das Papier gehen, aber dafür ist hier nicht der Platz.

Man erkennt an diesen wenigen Sätzen wie sehr dieses Papier tatsächlich alte Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland noch einmal in die Erinnerung ruft und zu ihrer Erneuerung angesichts breitester Veränderungen ermahnt. Dennoch wird man eine ganze Menge an präzisieren Aussagen vermissen und auch an einigen Stellen zu viel Zustimmung zu Maßnahmen, die letztlich dann doch als Deregulierung auf den Arbeitsmärkten oder als Neoliberalisierung sozialer Sicherung begriffen werden können. Dies ist zuzugestehen, es hängt vom Charakter dieses Kompromisses zwischen den beiden großen Kirchen ab. Evangelischerseits wird man an vielen Stellen hier auch noch mehr sagen und zum Teil noch etwas anders akzentuieren. Aber das ändert nichts daran, dass ein solcher Konsens seinen eigenen Wert hat und zur Integration unserer Gesellschaft, die von so vielen Interessengegensätzen zerklüftet ist, beiträgt. Das kann man eigentlich nicht groß genug einschätzen. Jedenfalls gibt es keinen Grund, diese Leistungen gering einzuschätzen. Wer dies tut, um es noch einmal zu sagen, verachtet die notwendige Konsens- und Kompromisskultur, auf die wir in Deutschland stolz sein können, denn sie ist wesentlich für die weithin positive Entwicklung unserer Wirtschafts- und Sozialordnung gewesen und soll es wieder werden.



[1] Erschienen unter diesem Titel in der Reihe „Gemeinsame Texte“ von DBK und EKD Heft 22  vom 28.2.2014 Mainz und Hannover. Zu finden unter: www.dbk.de und www.ekd.de.

[3] Der Papst hat übrigens differenzierter argumentiert. Er sagt, wenn eine Wirtschaft drastische soziale Ungleichheit und damit wachsende Armut erzeugt – dann tötet sie. Dem kann man nicht widersprechen. Und zumindest die Kritik an wachsender sozialer Ungleichheit findet sich auch im Papier der Kirchen – nur nicht in dieser Sprache. 


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Lothar Funk www.lothar-funk.de schrieb am 10. Mai 2014 um 15:28 Uhr:

Die Antwort von Herrn Reimann vom Managermagazin auf den gelungen Beitrag von Prof. Dr. Wegner bekräftigt eher die Äußerungen im ursprünglichen Aufsatz. Es ist doch offensichtlich, dass jeder lösungsorientierte Diskussionsprozess zumindest mit einem Minimalkonsens beginnen muss. Dieser betrifft etwa den Versuch einer klaren Trennung zwischen normativen und positiven (also empirisch-prüfbaren, aber nicht selten dennoch umstrittenen) Aussagen. Er beinhaltet aber auch Verfahrensfragen, welche Inhalte gemeinsam veröffentlicht werden und ob etwas, was keinen Konsens findet, weggelassen werden soll oder in Minderheitsvoten Berücksichtigung finden sollte. Sollen die Thesen nach Mehrheitsprinzip oder im vollständigen Konsensprinzip erstellt werden etc.?
Auch neigt der Kritiker dazu, übertriebene Gegensätze herauszuarbeiten, die so gar nicht behauptet worden sind oder in der Realität nicht notwendigerweise existieren. Ist wirklich das Gegenteil des Satzes "Wer Kompromisse nicht schätzen kann, hat offensichtlich ein Problem" richtig? Es ist jedenfalls falsch, einfach das "nicht" hierin zu streichen, Denn in gewissen Situationen sind Kompromisse zwingend, in anderen schädlich. Dies ist jeweils abzuwägen.
Auch sichert sich das per Saldo sehr gelungene Sozialwort der Kirchen keineswegs gegen alle Seiten ab, wie die Kritik behauptet. Zudem; Hat nicht auch die Kirche in der Geschichte teilweise allzu "angstfrei" Menschen bevormundet, sodass eine gewisse Zurückhaltung vor allem bei noch offenen wirtschaftswissenschaftlichen Sachfragen gerade angemessen ist?
Inhaltlich dürfte wohl gerade auch nicht zutreffen, dass alle gegen die "böse Gier" sind, wie Herr Reimann wohl meint? Partikularinteressen geht es doch oft insbesondere darum, sich faktisch zu Lasten des Gemeinwohls zu bereichern, selbst wenn sie oft gewieft das Gegenteil behaupten.
Es ist gerade das Verdienst des Ordoliberalismus, diesen Aspekt im Gegensatz zum Altliberalismus und modernen libertären Positionen etwa in den USA herausgearbeitet zu haben.

Lothar Funk www.lothar-funk.de schrieb am 10. Mai 2014 um 14:56 Uhr:

Vielen Dank, dass hier diese wichtige Debatte aufgenommen worden ist.

Axel Reimann schrieb am 18. März 2014 um 01:10 Uhr:

Sehr geehrter Herr Professor Wegner,
es erschließt sich mir zwar nicht ganz, woher Sie wissen, dass ich "ein eher marktradikaler Mensch" bin, aber sei's drum. Was mich an Ihrem Artikel jedoch besonders irritiert, ist Ihre These, dass ein Diskussionsprozess mit einem Konsens beginnen muss. Und dass jene, die diese These in Frage stellen, nur Krawall machen wollen und Probleme mit der Demokratie haben.
Zitat: "Gegen den Kompromiss aus reinem Selbstzweck Radikalismen hochziehen zu wollen, zeugt von einer Geringschätzung der demokratischen Kultur. Wer Kompromisse nicht schätzen kann, hat offensichtlich ein Problem."
Das Gegenteil ist richtig. Wer den Streit scheut, nur um wenigstens mit einem kleinen Konsens in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, der hat offensichtlich ein Problem mit Diskussionsprozessen - vielleicht zeugt es nicht gleich von einer "Geringschätzung demokratischer Kultur", aber zumindest von einer sehr großen Angst, eventuell am Ende bei den "falschen" (weil radikalen?) Ergebnissen zu landen. Das ist schade. Eine angstfreie Kirche brauchen die Menschen mehr als eine Kirche, die sich nach allen Seiten absichert.
Und was die inhaltliche Seite der Sozialinitiative bisher angeht, können wir doch festhalten: Gegen die böse Gier sind wir doch alle, oder?

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Prof. Dr. Gerhard Wegner
Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts (SI) der Evangelischen Kirche in Deutschland, theol. Pastor



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