Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 24: November/Dezember 2013 | NACHGEFRAGT bei Hans-Jürgen Urban

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Montag, 4. November 2013

NACHGEFRAGT bei Hans-Jürgen Urban

von: Dr. Kai Lindemann

Seit einigen Monaten setzen sich die IG Metall und der DGB für eine "Anti-Stress-Verordnung" ein, um den steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz entgegen zu wirken. GEGENBLENDE hat hierzu das IG Metall-Vorstandsmitglied Dr. Hans-Jürgen Urban befragt.

GEGENBLENDE: Hans-Jürgen, das Thema „psychische Belastungen am Arbeitsplatz“ stößt seit längerer Zeit auf ein breites Echo in der Gesellschaft. Gibt es deiner Ansicht nach allgemeine Ursachen (z. B. Leistungsdruck), die den Wandel in der Arbeitswelt kennzeichnen?

Urban: In der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts nehmen psychisch belastende Arbeitsbedingungen immer stärker zu. Über alle Branchen und Berufsgruppen hinweg steigt die Arbeitsintensität, wächst der Zeitdruck und atypische Arbeitszeiten wie Nacht- und Schichtarbeit nehmen zu. Zugleich gehört für immer mehr Beschäftigte ansteigende Monotonie zum Arbeitsalltag. All diese Trends werden durch den Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, der im Januar 2013 veröffentlicht wurde, mit konkreten Daten und Fakten belegt.

Zu den tiefer liegenden Ursachen gehören sicherlich die neuen Formen einer „wertorientierten Unternehmensführung“. Dabei wird die Steuerung der Unternehmen zunehmend an kurzfristigen Renditeerwartungen ausgerichtet. Unter dem Diktat der Finanzmärkte wird die Qualität der Arbeit zur variablen Restgröße und gerät immer stärker unter Druck. Eine expansive Wettbewerbslogik prägt immer mehr gesellschaftliche Bereiche weit über die Unternehmenssphäre hinaus.

GEGENBLENDE: Die Zahl der psychischen Erkrankungen ist in den letzten Jahren immens gestiegen. Sie verursachen bis zu 29 Milliarden Euro Kosten für die Krankenkassen. Ebenso haben wir in den letzten Jahren äußerst erschreckende Nachrichten über die psychischen Belastungen bei Managern (Selbstmorde und Drogensucht) erfahren. Können solche Chefs überhaupt eine Sensibilität für das Thema entwickeln?

Urban: Ich denke, dass die eben geschilderten neuen Formen der Unternehmensführung auch bei den Führungskräften zu enormen Belastungen führen. Fälle von Burnout oder psychisch bedingte Erkrankungen nehmen auch bei den Chefs zu. Auch deshalb stellen wir in der letzten Zeit eine gewachsene Sensibilität in den Unternehmen und in der Politik fest. Vielfach beschränken sich aber die Reaktionen auf Angebote eines „Stressmanagements“ oder einer Resilienzstärkung ohne die notwendigen verhältnispräventiven Schritte in Angriff zu nehmen.

GEGENBLENDE: Im Juni 2013 beschloss der Bundestag eine „Klarstellung“ oder besser gesagt: eine Ergänzung des Arbeitsschutzgesetzes, mit der jetzt explizit psychische Belastungen als Gefährdungsfaktoren genannt werden. Wie kam es zu dieser Gesetzesänderung und welche Bedeutung hat sie für die Praxis?

Urban: Mit der „Klarstellung“ im Arbeitsschutzgesetz hat die Politik auf den Druck unserer Anti-Stress-Initiative reagiert. Wir haben seit langem argumentiert, dass es eine Regelungslücke im Arbeitsschutzrecht gibt und der Verpflichtungsdruck auf die Arbeitgeber erhöht werden muss, um Gefährdungen durch psychische Belastungen in der Arbeit in allen Unternehmen und Verwaltungen zu ermitteln. Vielfach haben sich Arbeitgeber auf die Schutzbehauptung zurückgezogen, dass psychische Belastungen nicht wörtlich im Arbeitsschutzgesetz erwähnt seien. Diese Ausflucht ist nun endgültig nicht mehr möglich. Betriebsräte können jetzt in jedem Betrieb eine Gefährdungsbeurteilung auch psychischer Belastungen einfordern und dabei auf diese „Klarstellung“ verweisen.

GEGENBLENDE: DGB, BDA und das Arbeitsministerium haben Anfang September 2013 eine gemeinsame Erklärung gegen Stress als Ursache psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz verabschiedet. Welche Bedeutung hat diese Erklärung aus Sicht der IG Metall?

Urban: Der Erfolg besteht m.E. in erster Linie darin, dass die Arbeitgeberverbände endlich den dringenden Handlungsbedarf bei der Prävention psychischer Gefährdungen anerkannt haben. Und sie haben in dieser Erklärung zugestanden, dass die Gefährdungsbeurteilung das zentrale Instrument der Prävention im Betrieb darstellt.

Der gemeinsame Appell für flächendeckende Gefährdungsbeurteilungen physischer und psychischer Belastungen gibt den betrieblichen Interessenvertretungen einen erheblichen Rückenwind, um jetzt in jedem Betrieb und in jeder Verwaltung die Initiative zu ergreifen, um die betriebliche Prävention zu verbessern.

GEGENBLENDE: Reichen die Konkretisierung im Arbeitsschutzgesetz und die gemeinsame Erklärung nicht aus, um nun endlich zu handeln? Brauchen wir noch eine Anti-Stress-Verordnung?

Urban: Wir brauchen eine Konkretisierung der Bestimmungen des Arbeitsschutzgesetzes für die betriebliche Praxis. Ähnlich wie bei anderen Gefährdungsfaktoren etwa bei Lärm, Gefahrstoffen oder Vibrationen muss eine solche Konkretisierung in einer Verordnung erfolgen. Eine Anti-Stress-Verordnung muss darlegen, welche psychischen Belastungsfaktoren im Einzelnen in eine Gefährdungsbeurteilung einzubeziehen sind und nach welchen Maßgaben eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen durchzuführen ist. Diese Anforderungen müssen möglichst konkret sein. Das erleichtert die betriebliche Umsetzung und ist zugleich eine notwendige Voraussetzung für die Beratung und Überwachung der Betriebe durch die Arbeitsschutzaufsicht. Nach dem ersten guten Schritt der „Klarstellung“ im Arbeitsschutzgesetz muss jetzt der zweite Schritt erfolgen: der Erlass einer Anti-Stress-Verordnung, wie es der Bundesrat Anfang Mai 2013 auch gefordert hat.

GEGENBLENDE: Vielen Dank!


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Ma. Cosifantutte schrieb am 24. November 2013 um 21:19 Uhr:

Arbeitsteilung führt zwangsläufig zu mangelnder Einsicht. Vernüntiger
wäre es die Arbeitsplätze zu tauschen bevor jemand ernsthaft erkrankt.
Das ließe sich sehr viel schneller realisieren wenn auch die Lohnabstufungen beseitigt werden.

Versager schrieb am 17. November 2013 um 20:40 Uhr:

Marianne Weber vorzuwerfen, dass sie die Selbstanalyse ihres Ehemanns mutmaßlich vernichtete, könnte fraglos nicht einfältiger sein. Insofern kann es allein darum gehen, nicht die Arbeitsteilung zwischen den Heilberufen und den ihnen erwiesenermaßen stets vorausgehenden Disziplinen der Sozialwissenschaften in ihr Gegenteil zu verkehren, indem beispielsweise Psychiatern eigenmächtig der Vorrang gegeben wird. Selbst Sigmund Freud macht in der Vorbemerkung zur ersten Auflage der Traumdeutung vor über einhundert Jahren darauf aufmerksam, dass es ihm nicht anheim fällt, über den ihm dadurch abschließend abgezirkelten Umkreis eines Mediziners hinaus tätig zu sein. Sollte er dessen Grenzen verletzen, mangelt es demnach sogleich an klarer sozialer Struktur (Spitzer, M.: Geist im Netz, Heidelberg u. a., 1996, S. 330). Tritt also auf diese Weise sozial der Tod ein, befördert besagtes Fehlverhalten Dritter die Entstehung vor allem einer psychischen Erkrankung, die aufgrund ihres nichtfunktionalen Charakters die Zerstörung der biologischen Funktionalität des Individuums nach sich zieht (Castoriadis, C.: Psychische Monade und autonomes Subjekt, hrsg. v. Halfbrodt/Wolf, übers. v. Halfbrodt, Lich/Hessen, 2013, S. 134, zuerst: 1990) und daher körperlich den Tod eintreten lässt. Ohne eine erschöpfende Selbstanalyse gibt es somit keine Perspektive für den Einzelnen, den ansonsten unausweichlich sich vollziehenden Prozess des Entzugs seiner Gegenwart notwendig zu relativieren. Abschließend kann deswegen gesagt werden, dass unabhängig von der quantitativen Verteilung des Phänomens einer illegitim eingeschränkten Gesundheit der Psyche in der Bevölkerung deren qualitative Seite noch immer dieselbe ist und mit der im Zuge der historischen Ausbreitung des Nationalsozialismus verschollenen Selbstanalyse Max Webers bis in die ferne Zukunft hinein eine unschätzbare Handreichung nicht mehr zur Verfügung steht. Die von der Gewerkschaft IG Metall geforderte Anti-Stress-Verordnung bleibt darum die Antwort auf die wesentlichen Fragen schuldig.
GEGENBLENDE schrieb:
Lieber Leser mit dem Pseudonym "Versager", gerne veröffentliche ich ihre Kommentare, wenn sie auch nur annähernd zur Sache sind. Was allerdings die Frau von Max Weber mit dem im Interview behandelten Sachverhalt oder auch mit der im Zusammenhang stehende gewerkschaftlichen Politik zu tun hat, hat sich weder mir noch anderen erschlossen. Vielleicht geht das ja auch präziser und verständlicher.
Beste Grüße Die Redaktion

Versager schrieb:
Alles, was zwar wohlbegründet und insofern im Allgemeinen das Gegenteil behauptet, aber im Besonderen nicht der von sehr wenigen Angehörigen des Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) bevorzugten Ideologie entspricht, dass menschliche Arbeit den Einzelnen angeblich stets krank macht, wird auf der Internetseite des gewerkschaftlichen Debattenmagazins namens Gegenblende offenbar nicht veröffentlicht. Anders ist es nicht zu verstehen, warum meine bereits vor etlichen Tagen verfasste Einlassung in dieser Frage immer noch nicht zugänglich ist.

GEGENBLENDE schrieb am 16. November 2013 um 17:25 Uhr:

Lieber Leser mit dem Pseudonym "Versager", gerne veröffentliche ich ihre Kommentare, wenn sie auch nur annähernd zur Sache sind. Was allerdings die Frau von Max Weber mit dem im Interview behandelten Sachverhalt oder auch mit der im Zusammenhang stehende gewerkschaftlichen Politik zu tun hat, hat sich weder mir noch anderen erschlossen. Vielleicht geht das ja auch präziser und verständlicher.
Beste Grüße Die Redaktion
Versager schrieb:
Alles, was zwar wohlbegründet und insofern im Allgemeinen das Gegenteil behauptet, aber im Besonderen nicht der von sehr wenigen Angehörigen des Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) bevorzugten Ideologie entspricht, dass menschliche Arbeit den Einzelnen angeblich stets krank macht, wird auf der Internetseite des gewerkschaftlichen Debattenmagazins namens Gegenblende offenbar nicht veröffentlicht. Anders ist es nicht zu verstehen, warum meine bereits vor etlichen Tagen verfasste Einlassung in dieser Frage immer noch nicht zugänglich ist.

Versager schrieb am 16. November 2013 um 15:31 Uhr:

Alles, was zwar wohlbegründet und insofern im Allgemeinen das Gegenteil behauptet, aber im Besonderen nicht der von sehr wenigen Angehörigen des Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) bevorzugten Ideologie entspricht, dass menschliche Arbeit den Einzelnen angeblich stets krank macht, wird auf der Internetseite des gewerkschaftlichen Debattenmagazins namens Gegenblende offenbar nicht veröffentlicht. Anders ist es nicht zu verstehen, warum meine bereits vor etlichen Tagen verfasste Einlassung in dieser Frage immer noch nicht zugänglich ist.

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Dr. Kai Lindemann
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