Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 25: Januar/Februar 2014 | Hat das Europäische Sozialmodell eine Zukunft?

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Sonntag, 9. Februar 2014

Hat das Europäische Sozialmodell eine Zukunft?

von: Prof. Dr. Günther Schmid
Europafahne

sarg030 / photocase.com

Die Krise Europas ist vor allem eine Krise des Euros. Die gemeinsame Währung hatte zwar eine Europäisierung im Sinne der nominalen Konvergenz vorangetrieben, insbesondere in Form einheitlicher Zinssätze. Dadurch wurden aber die realen Divergenzen verschärft, erkennbar vor allem an der zunehmenden Spanne der Arbeitslosenquoten in der EU-27 von 3,9 (Niederlande) bis 19,6 Prozent (Lettland) im August 2009 auf 4,8 (Österreich) bis 27,3 Prozent (Spanien) im Oktober 2013; die Jugendarbeitslosenquoten entwickelten sich bekanntlich noch dramatischer auseinander. Warum das so ist, soll an einem Modell kurz erläutert werden.

Strategien zur Lösung des durch den Euro verschärften Zielkonflikts zwischen produktiver Kapazität und Flexibilität

Grafik

Grafik 1

Die vertikale Achse stellt ein Maß für ökonomische Inklusion dar: „Vergleichbare produktive Kapazität“ oder verkürzt „Kapazität“. Die Mitglieder einer Währungsunion müssen ein Mindestmaß an vergleichbarer produktiver Kapazität haben. Die horizontale Achse ist ein Maß für ökonomische Flexibilität, also die Fähigkeit, externe Schocks aufzufangen, etwa durch Flexibilität der Löhne und Arbeitsverträge oder durch regionale Mobilität und eingebaute Stabilisatoren.

Kapazität

Vergleichbare produktive Kapazität setzt sich aus verschiedenen Dimensionen zusammen: natürliche, finanzielle, menschliche, infrastrukturelle und institutionelle Ressourcen. Finanzielle Ressourcen, z.B. bestehen aus dem produktiven Kapital (v.a. Industrie) und dem Privat- und Staatsvermögen, aber auch in der Fähigkeit, Schulden zu machen und externe Schocks durch eingebaute Stabilisatoren aufzufangen. Von besonderer Bedeutung für inklusives Wachstum in einer Währungsunion sind die institutionellen Ressourcen der Demokratie wie freie Wahlen, freie Berufswahl, Streikrecht und betriebliche Mitbestimmung, inklusives Arbeits- und Sozialrecht sowie die Existenz einer korruptionsfreien und effizienten Verwaltung. In Italien, beispielsweise, sind nach wie vor nur wenige Kernbeschäftigte im Verarbeitenden Gewerbe ausreichend gegen Arbeitslosigkeit versichert; von einer inklusiven Arbeitslosenversicherung kann keine Rede sein. Eine effektive Arbeitsverwaltung zur Umsetzung von Arbeitsförderungsmaßnahmen ist ebenfalls in weiter Ferne. Ein anderes Beispiel ist Rumänien, das mit den 3,4 Mrd. Geldern aus dem Europäischen Sozialfonds wenig anzufangen weiß, weil eine effiziente Verwaltung fehlt. Gut verdienende Griechen verschleiern im Durchschnitt die Hälfte ihrer tatsächlichen Einkommen, so dass dem Staat Steuereinnahmen von rund 11,2 Mrd. Euro im Jahr verloren gehen. Die Summe entspricht ziemlich genau dem Volumen des Sparpakets, das die Regierung auf Druck der so genannten Troika für die Jahre 2013/14 schnüren musste.

Flexibilität

Flexibilität setzt sich ebenfalls aus mehreren Dimensionen zusammen: Preisflexibilität von Kapital und Löhnen, vor allem zur Auf- und Abwertung der Währung; Flexibilität der zeitlichen Ressourcen wie Möglichkeiten der Vertragsänderung oder gar der Vertragskündigung und Möglichkeiten der Änderung von Arbeitszeiten; schließlich räumliche Mobilität von Kapital und Arbeit. Der Verlust der Auf- und Abwertungsmöglichkeiten für die Mitglieder der Euro-Zone ist wohl die gravierendste Einschränkung der nationalen Flexibilität. Diese wird jedoch überbewertet, denn es gibt funktionale Äquivalente. Dänemark, beispielweise, ist zwar kein Euroland, aber die dänische Regierung hat die Krone eng an den Euro gebunden und dennoch die Krise gut überstanden. Zwar konnte die dänische Zentralbank den Aufwertungsdruck der dänischen Krone durch Devisenintervention abwehren, die dänische Regierung nutzte in der Krise aber auch in starkem Maße antizyklische Fiskalpolitik und flexible Arbeitszeiten, und sie profitierte von den eingebauten Stabilisatoren des starken Systems sozialer Sicherung.

Zwischen den beiden Dimensionen Kapazität und Flexibilität besteht ein Zielkonflikt (trade-off): Ein Mangel an vergleichbarer produktiver Kapazität kann und muss durch höhere Flexibilität ausgeglichen werden. Sonst steigen etwa die Staatsschulden, oder die Investitionen in neue Produkte, in Produktverfahren oder Bildung trocknen aus. Vor der Einführung der Währungsunion (gestrichelte Linie A-B) lagen beispielsweise Deutschland und die Niederlande gleichsam über der Linie sowie Irland und Griechenland auf der Linie. Mit dem Euro hat sich diese Linie nach oben verschoben (durchgezogene Linie C-D), d.h., die Anforderungen an vergleichbaren produktiven Kapazitäten sind höher geworden. Jetzt kann man sich Deutschland und die Niederlande zwar noch auf dieser Linie liegend vorstellen, faktisch haben sich beide Länder aber schon nach rechts unten zu mehr Flexibilität hin bewegt, wie die Ausweitung des Niedriglohnsektors in Deutschland oder die Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung in den Niederlanden belegen.

Irland und Griechenland liegen nun (gedacht) deutlich unter der Linie C-D, aber ihre produktiven Kapazitäten wurden seither kaum verbessert. Eine Immobilienblase und steigende Staatsschulden verschleierten dieses Manko. Erst als die Bankenkrise und dann die Fiskalkrise diesen Schleier brutal wegzogen, wurden diese Länder zu Flexibilisierungsmaßnahmen gezwungen: Allein im Jahr 2010 erzwang die irische Regierung einen drastischen nominellen Rückgang der Lohnstückkosten um 6,4 Prozent gegenüber der Eurozone von nur 0,7 Prozent. Die stolzen Iren taten in den folgenden Jahren auch alles, um möglichst schnell wieder aus dem Euro-Rettungsschirm zu flüchten. Das gelang Mitte Dezember 2013, allerdings um den Preis von 64 Milliarden Euro Bankenschulden, für welche die irischen Steuerzahler nun haften; hochgerechnet auf deutsche Verhältnisse entspräche das 880 Mrd. Euro! Darüber hinaus wandern viele, zum Teil hochqualifizierte jugendliche Erwachsene aus. Die griechische Regierung wurde von der Troika zu drastischen Kürzungen der Staatsausgaben angehalten; diese sanken um fast 30 Mrd. Euro von 2009 bis 2013, also um etwa ein Viertel seit Ausbruch der Eurokrise. Ein Viertel weniger Staatsausgaben im Vergleich zu 2009 würde in Deutschland einer Summe von 275 Mrd. Euro entsprechen!

Während Irland wieder auf die Beine zu kommen scheint, müssten die Flexibilitätsmaßnahmen in Griechenland – gemessen an seinen produktiven Kapazitäten – noch ein deutlich höheres Maß annehmen. Für einen Großteil der Bevölkerung, insbesondere für die jungen Erwachsenen, ist das unzumutbar. Demokratie und sozialer Zusammenhalt sind in Griechenland heute schon hoch gefährdet. Und nicht nur in Griechenland. Wenn das so weiter geht, spaltet der Euro Europa mehr als dass er integriert.

Alternativen gegen Euro-Pessimismus

Aber ist der berechtigte Weckruf „Rettet Europa vor dem Euro?“ von Fritz Scharpf (2012) oder der leidenschaftliche Appell von Wolfgang Streeck (2013) zur Besinnung auf den Nationalstaat als Rettungsanker sozialer Demokratie auch berechtigter Anlass zu fundamentalem Europa-Pessimismus? Die Aufgabe des Euros käme vermutlich ökonomisch teuer zu stehen, ganz abgesehen von dem verheerenden politischen Signal. Es gibt Alternativen! Zunächst makroökonomische Maßnahmen, die zum Teil schon ergriffen wurden. Aber sie sind bei weitem noch nicht ausreichend konzipiert, geschweige denn umgesetzt. Etwa die Kontrolle der Finanzmärkte und Banken oder ein europaweites Investitionsprogramm in die materielle Infrastruktur wie Energie, Transport, Abwasser, Informations- und Kommunikationstechnologie. Lassen wir jedoch die Details dieser makroökonomischen Dimension beiseite und fragen: Welche Strategien des europäischen Sozialmodells könnten zur Lösung des – durch die Einführung des Euros – verschärften Zielkonflikts zwischen vergleichbar produktiven Kapazitäten und Flexibilität und damit auch zur europäischen Integration beitragen? Aus dem aufgezeigten Modell lassen sich vier strategische Ansatzpunkte identifizieren:

Erstens (I) könnte die Trade-off Linie (C-D) durch investive Sozialtransfers nach unten gedrückt werden, um den Flexibilitätsbedarf der Mitgliedstaaten unterhalb der Linie zu entlasten. Zweitens (II) könnten die Anforderungen an hohen produktiven Kapazitäten durch geschützte Flexibilität kompensiert oder ergänzt werden, z.B. stärkere Ausrichtung der Europäischen Beschäftigungsstrategie (‚flexicurity‘) auf interne Flexibilität wie Kurzarbeit oder effektives Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit. Drittens (III) könnten die produktiven Kapazitäten durch Investitionen in Menschen verbessert werden, was auch das Flexibilitätspotential erhöhen würde, beispielsweise durch eine europaweite Qualifizierungsoffensive. Viertens (IV) könnten die vorhandenen produktiven Kapazitäten durch effiziente Regulierung des Arbeitsmarktes besser genutzt werden und so auch die Entfaltung eines wirklichen europäischen Arbeitsmarktes befördern, z.B. durch Einschränkung prekärer Beschäftigungsverhältnisse und durch europaweite Standards von Mindestlohnregelungen. Im Folgenden konzentriere ich mich auf die erste Strategie und verweise auf die ausgearbeitete Fassung dieses Essays (Schmid 2013).

Investive Sozialtransfers

Investive Sozialtransfers zwischen den EU-Mitgliedstaaten sind nicht neu. Der Europäische Sozialfonds ist ein Beispiel. Seine Effektivität lässt jedoch wegen mangelnder administrativer und finanzieller Kapazitäten wettbewerbsschwacher Mitgliedstaaten für arbeitsfördernde Sozialpolitik zu wünschen übrig. Hier könnte eine erneuerte Strategie europäischer Sozialpolitik ansetzen: Erstens in der Unterstützung des Aufbaus oder Ausbaus einer inklusiven Arbeitslosenversicherung in allen Mitgliedstaaten der EU; zweitens im Aufbau einer rudimentären supranationalen, also europäischen Arbeitslosenversicherung.

Viele der neuen EU-Mitglieder haben eine nur schwach entwickelte Arbeitslosenversicherung. Das liegt u.a. auch daran, dass die investive Funktion dieser Institution im Mainstream neoliberaler Ökonomie nach wie vor unterschätzt wenn nicht gar geleugnet wird. Einer der größten Fehler von Politik und Wissenschaft ist es aber, im Arbeitslosengeld nur eine so genannte passive Leistung zu sehen. Ein generöses Arbeitslosengeld ist alles andere als „passiv“. Es bietet nicht nur einen fairen Solidarausgleich für ein persönlich meist unverschuldetes Risiko, sondern auch eine „aktive“ Investition in produktive Arbeitssuche. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Arbeitslose mit generösen Lohnersatzleistungen in den ersten sechs bis neun Monaten produktivere Arbeitsplätze finden als Arbeitslose ohne oder mit geringen Lohnersatzleistungen; diese Arbeitsplätze sind auch dauerhafter, das heißt Drehtüreffekte werden erheblich gemindert.

Zu einer inklusiven Arbeitslosenversicherung gehört auch eine effektive Arbeitsverwaltung. Nur eine solche kann die parallel notwendige Arbeitsvermittlung, Arbeitsförderung und Kontrolle des „moral hazards“ umsetzen. Gerade daran hapert es vor allem in den südlichen und in vielen der neuen Mitgliedstaaten der EU. Inklusive Arbeitslosenversicherung und effektive Arbeitsverwaltung können aber auch diejenigen Unternehmen stützen, die zur Erhaltung oder zum Ausbau ihrer Wettbewerbsfähigkeit größere Umstrukturierungen mit entsprechenden Personalfolgen schultern müssen. Darüber hinaus kann sie durch gezielte Arbeitsförderungsmaßnahmen effektiv zu Vermeidung von Langzeitarbeitslosigkeit beitragen. Nicht von ungefähr haben die meisten derjenigen Mitgliedstaaten, die das Instrumentarium der Arbeitsförderung ausgebaut haben, auch signifikant geringere Langzeitarbeitslosigkeitsquoten. Klug balancierte Arbeitslosenversicherungen erhöhen auch die Kapazität eingebauter Stabilisatoren und zwischenregionaler Umverteilung für gleichwertige Lebensverhältnisse, damit auch den Migrationsdruck mindernd. Schließlich sind ausgebaute nationale Arbeitslosenversicherungen auch Voraussetzung für eine etwaige transnationale europäische Arbeitslosenversicherung, die im nächsten Schritt kurz umrissen wird.

Für eine europäische Arbeitslosenversicherung

Für den Aufbau einer wenigstens rudimentären europäischen Arbeitslosenversicherung kann ausnahmsweise die USA als Vorbild herangezogen werden, allerdings nur bezogen auf die konsequent föderative Struktur. Wesentlicher Bestandteil des New Deal von Roosevelt in den dreißiger Jahren war der Aufbau einer föderalen Arbeitslosenversicherung. 1935 wurden alle Bundesstaaten zum Aufbau von Versicherungssystemen verpflichtet, konnten aber – außer einem Mindestbeitragssatz – selbst die Regeln bestimmen. Gegenüber europäischen Arbeitslosenversicherungen schwankten diese Beiträge, je nachdem wie viel Beschäftigte die Betriebe entlassen hatten (‚experience rating‘). Mit dem Mindestbeitragssatz gewährleistete der Bund die Finanzierung der einzelstaatlichen Arbeitslosenverwaltung, der Stellenvermittlung, der gesamtstaatlichen Verwaltungskosten und etwaiger Sonderprogramme. Die Finanzströme flossen über einen bundesstaatlichen Rückversicherungsfonds und wurden entsprechend den Regelungen und Bedarfen der Staaten zurückverteilt. Geriet ein Staat in Defizite, konnte er sich um Darlehen des Bundes bewerben, musste diese aber zurückzahlen. Eine dauerhafte Umverteilung zwischen den Einzelstaaten war nicht vorgesehen.

Diese Regeln gelten im Prinzip heute noch, so dass Beitragssätze wie Leistungen zwischen den Bundesstaaten erheblich schwanken. Der Bundessteuersatz beträgt mittlerweile 0,6 Prozent, und die zu besteuernde Mindestlohnsumme stieg auf $ 7.000. Seit 1971 ermöglicht die US-Regierung den Bundesstaaten mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit ein Anschlussarbeitslosengeld (‚extended benefits‘), wenn ihre einzelstaatlichen Versicherungen erschöpft sind. Die (bundesgesetzlich allerdings nicht festgelegte!) Dauer der Lohnersatzleistungen beträgt in der Regel 26 Wochen, die zunächst um 13 Wochen verlängert wird. Dieses Anschlussarbeitslosengeld wird in der Regel hälftig von den Einzelstaaten und dem Bundesfonds getragen. Schließlich finanziert der Bund in allen Rezessionen seit 1958 aus eigenen Mitteln ein Notstands-Arbeitslosengeld für Arbeitslose, deren Ansprüche ausgelaufen sind (‚emergency unemployment compensation‘), so dass in der letzten Rezession die Dauer des Leistungsbezugs bis zu 63 Wochen betrug.

Insgesamt funktioniert das US-Arbeitslosenversicherungssystem als automatischer Stabilisator, der in Boomzeiten den Versicherungsfonds auffüllt und in Rezessionszeiten die Reserven aufzehrt. Durch Darlehen kann der Bund diese Stabilisierungsfunktion verstärken, die nicht nur der Wirtschaft, sondern auch den Arbeitslosen hilft. Studien des US-Kongress-Budgetbüros stuften die Arbeitslosenversicherung als das wirksamste antizyklische Instrument unter 11 anderen Instrumenten ein und bezifferten den Beschäftigungseffekt auf das Zwei- bis Fünffache üblicher antizyklischer Infrastrukturmaßnahmen. Darüber hinaus wäre 2009 die Armutsquote von 14,3 Prozent ohne Arbeitslosenversicherung bei 15,5 Prozent gelegen. Weitere Studien stellten übereinstimmend fest, dass die Verlängerung des Arbeitslosengeldbezugs gesamtwirtlich weniger kostspielig ist als von vielen Mainstream-Ökonomen vermutet oder (schlicht) behauptet wird: Ein 13-wöchiges Anschluss-Arbeitslosengeld verlängert in USA die Jobsuche um nur eine Woche. Darüber hinaus sind positive externe Effekte zu beachten: Die Verlängerung des Leistungsbezugs von Arbeitslosen in der Rezession vermindert den Wettbewerb um die knappen Arbeitsplätze und somit die Dauer der Arbeitslosigkeit von Nicht-Leistungsbeziehern.

Sicher sind die US-Erfahrungen nicht 1:1 auf Europa zu übertragen, aber einige Grundelemente könnten auch für den Aufbau einer europäischen Arbeitslosenversicherung übernommen werden. Zunächst das Prinzip der Sozialversicherung, das mehrere Vorteile gegenüber einer bedarfsorientierten sozialen Absicherung hat (Schmid 2011): Erstens ist eine individuelle und lohnbezogene Absicherung einfacher (und letztlich auch gerechter) zu berechnen und zu administrieren als eine haushaltsbezogene und bedarfsorientierte Absicherung, in der bei der Leistungsberechnung viele andere Einkommen zu erfassen oder gar nur abzuschätzen sind, was – siehe die Erfahrungen von Hartz IV – zu einer endlosen Klageflut führt. Zweitens sind die Versicherungsleistungen eigentumsrechtlich (infolge von Eigenleistungen) besser geschützt vor politischer Willkür als bedarfsorientierte Leistungen, die aus allgemeinen Steuermitteln finanziert werden. Drittens sind die Anreize zu arbeiten stärker als bei Bedarfsleistungen, nicht zuletzt auch infolge des so genannten Anspruchseffekts (‚entitlement effect‘), denn nur ein formelles Beschäftigungsverhältnis gewährleistet den (Wieder-)Gewinn von Ansprüchen. Viertens ist der Stabilisierungseffekt von lohnbezogenen Versicherungsleistungen meist größer als bei Bedarfsleistungen. Fünftens wirken Versicherungsleistungen auch positiv auf die Psyche von Arbeitslosen, beispielsweise daran erkenntlich, dass der Gesundheitszustand von versicherungsgedeckten Arbeitslosen signifikant besser ist als bei nichtversicherten oder nur bedarfsgesicherten Arbeitslosen.

Eine europäische Arbeitslosenversicherung könnte also zum einen Mindeststandards nationaler Versicherungssysteme setzen. Das würde ein Mindestmaß institutioneller Kongruenz fördern, keinesfalls jedoch zur Harmonisierung der Versicherungssysteme zwingen. Zum anderen könnte sie diese Systeme durch Kredite unterstützen, wenn diese in Defizite geraten; das würde die Stabilisierungsfunktion nationaler Versicherungen stärken. Schließlich könnte sie anteilig (50:50) ein Anschluss-Arbeitslosengeld sowie Arbeitsfördermaßnahmen finanzieren, um die Inklusionswirkung nationaler Versicherungen zu verbessern. Erstrebenswert wäre längerfristig, dass Europa eigenständige Beiträge zur Finanzierung erhebt. Weil das sicherlich Vertragsveränderungen erfordert, könnte zunächst auch nur ein zweckgebundener Sonderfonds eingerichtet werden. Auch wenn zu Beginn die damit verbundenen investiven Transferleistungen gering sein müssen, sollte der symbolische Wert einer echten supranationalen europäischen Institution nicht unterschätzt werden. Europa würde auch für die einfachen Bürgerinnen und Bürger fassbarer werden.

Die Priorität einer europäischen Arbeitslosenversicherung sollte von vornherein auf Arbeitsförderung gelegt werden, also beispielsweise Förderung der Beschäftigung in kleineren und mittleren Betrieben oder Weiterbildung. Auch Kurzarbeit zur Erhaltung qualifizierter Arbeitskräfte sollte nicht ausgeschlossen werden. Daher wäre es angebracht, von einer europäischen Beschäftigungsversicherung zu sprechen. Solche Transfers dienten nicht nur der Stabilisierung, um die regionale Kaufkraft aufrechtzuerhalten, sondern auch der sozialen Inklusion, um Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden und die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte zu vermindern. Mehr regionale Mobilität ist sicher notwendig und von Teilen der europäischen Bevölkerung auch gewünscht, insbesondere von Jugendlichen; aber dieses Flexibilitätspotential ist aus verschiedenen Gründen begrenzt und auch nicht unbedingt erwünscht, vor allem nicht von erwachsenen und älteren Fachkräften. Es macht daher durchaus Sinn, „Arbeit zu den Menschen“ und nicht nur „Menschen zur Arbeit“ zu bringen.

In diesem Sinne sollten investive Sozialtransfers auch konditional eingesetzt werden, etwa für Trainingsmaßnahmen oder für Jugendgarantieprogramme in den Regionen mit besonderen Beschäftigungsproblemen. Denkbar wären schließlich auch Lohnkostenzuschüsse für Unternehmen, die aus dem Arbeitslosenpool zusätzlich Beschäftigte einstellen. Schon Nikolas Kaldor, ein intellektueller Mitstreiter von Lord Keynes, hat darauf hingewiesen: Wenn Beschäftigung nicht durch Abwertung der Währung angekurbelt werden kann, dann sind Lohnkostenzuschüsse für jeden zusätzlich geschaffenen und sinnvoll erhaltenen Arbeitsplatz ein funktionales Äquivalent.

 

Literatur

Scharpf, F. W. (2012), Rettet Europa vor dem Euro! Berliner Republik, 2, 52-61

Schmid, G. (2011), Übergänge am Arbeitsmarkt: Arbeit, nicht nur Arbeitslosigkeit versichern, Berlin, edition sigma

Schmid, G. (2013), Inklusives Wachstum – Hat das europäische Sozialmodell noch eine Zukunft? http://www.guentherschmid.eu/pdf/Eur_Soz_Modell_M-4.pdf

Streeck, W. (2013), Gekaufte Zeit – Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Berlin, Suhrkamp


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

zdago schrieb am 13. Februar 2014 um 21:59 Uhr:

@Hat das Europäische Sozialmodell eine Zukunft?
kurze Frage - kurze Antwort : Nein - nicht mit diesen neoliberalen Politikern, die sich als Handlanger der Finanzeliten generieren !
mfg zdago

Alex Schmitt schrieb am 13. Februar 2014 um 09:03 Uhr:

Ein sinnloser Beitrag, die Euro-Krise ist immer nicht bewältigt, das Lohndumping in Deutschland geht munter weiter, von einem Mindestlohn, wie es übrigens USA seit langem haben, ist immer noch nichts zu sehen. Die Troika wütet in Südeuropa und zerstört die Reste der Industrie und Sozialsysteme. Man kann von vielem träumen, aber endlich sollte jeder aufwachen.

Versager schrieb am 11. Februar 2014 um 14:02 Uhr:

Das den Vertrag von Lissabon ergänzende Protokoll hebt ausdrücklich hervor, dass für den Einzelnen sozial erbrachte Dienste von allgemeinem Interesse sind. Nicht staatliches Handeln besitzt daher den Vorrang als vielmehr privatwirtschaftliches. Insofern verfehlen die Schmid'schen Vorschläge die hiesig geltende Systematik völlig bzw. setzen eine geänderte Verfasstheit Europäischer Gemeinschaften voraus, die wohlbegründet nie Wirklichkeit werden wird.

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