Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 26: März/April 2014 | Das große Versagen: Wie sich die Wirtschaftswissenschaft ändern muss

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Mittwoch, 26. März 2014

Das große Versagen: Wie sich die Wirtschaftswissenschaft ändern muss

von: Prof. Dr. Gustav Horn
Buchcover

Die englische Version des Artikels ist Teil dieses jüngst erschienen Buches, zu bestellen unter: ISBN 9781 4937 49423

„Warum hat niemand die Krise kommen sehen?“, fragte die Queen im November 2008 bei einem Treffen prominenter Wirtschaftswissenschaftler an der London School of Economics. Zu diesem Zeitpunkt waren die Finanzmärkte bereits zusammengebrochen und weltweit begannen sich die Auswirkungen auf die Realwirtschaft auszubreiten. Insbesondere die Banken entwickelten ein tiefes Misstrauen gegenüber anderen Banken und weigerten sich, diesen Geld zu leihen oder taten dies nur zu sehr hohen Zinsen. Folglich kam der gesamte Kreditprozess und vor allem die Finanzierung von Investitionen und Handel zum Erliegen, wodurch sich die Weltwirtschaft auf die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg zu bewegte (IMK 2013).

Warum sah keiner der Mainstream-Ökonomen dies kommen? Die einfache Antwort findet sich in der Annahme der Mainstream-Ökonomie, dass freie Märkte grundsätzlich stabil sind und folglich ökonomische Krisen nicht Bestandteil der Standardtheorien und der entsprechenden empirischen Forschung sind. Mainstream-Ökonomen fehlte somit das intellektuelle Handwerkszeug, um zu verstehen, was 2007 und 2008 und in der darauf folgenden Krise der Eurozone passierte.

David Collander (Collander et al. 2009) bezeichnete das als ein vollständiges moralisches Versagen der Wirtschaftswissenschaften. Die Ökonomen wussten mit kleineren wirtschaftlichen Schwankungen umzugehen, waren aber nicht in der Lage, der Situation gerecht zu werden, als die Ereignisse wirklich besorgniserregend wurden. Dies ist der Hauptgrund, warum sich die Wirtschaftswissenschaft verändern muss. Zukünftige Ökonomen sollten wissen, dass Krisen möglich sind; sie sollten wissen, wenn Gefahr droht; und sie sollten wissen, wie man damit umgehen kann. Dieses Essay beschreibt ein paar Elemente einer solchen zukünftigen Wirtschaftswissenschaft.

Die Bedeutung von Unsicherheit

Das grundlegende Versäumnis der Mainstream-Ökonomie besteht in der fast vollständigen Vernachlässigung fundamentaler Unsicherheit (Skidelsky 2010). Konventionelle Modelle berücksichtigen Risiko, das sich von fundamentaler Unsicherheit bzw. Ungewissheit dadurch unterscheidet, dass die Wahrscheinlichkeitsverteilung der Risiken den Akteuren stets bekannt ist. In Risiko-Situationen wissen die Menschen zwar, dass bestimmte Ereignisse nicht sicher sind, ihnen ist jedoch auch die Art der Unsicherheit bekannt, so dass sie dieser im Entscheidungsprozess Rechnung tragen können. In Situationen fundamentaler Unsicherheit gibt es schlichtweg keine Wahrscheinlichkeitsverteilungen. Unglücklicherweise unterstellen die Ökonomen in Bezug auf Akteure in Finanzmärkten die Risiko-Definition der Unsicherheit. Es wird daher angenommen, dass die Akteure die grundlegende Natur der Risiken verstehen und somit in vernünftiger Weise das Risiko, welches sie eingehen, begrenzen können.

Die Finanzkrise von 2008 offenbarte jedoch etwas anderes. Die Akteure wussten nach dem Crash von Lehman nichts über die Art der folgenden Ereignisse. Das Resultat war, dass sie in Panik gerieten und alles zu verkaufen begannen, was unsicher erschien, und damit einen unmittelbaren heftigen Einbruch der Finanzmärkte auslösten. Gleichzeitig und aus demselben Grund begannen die Banken ihre Bereitschaft zur Kreditvergabe einzuschränken, wodurch die Krise der Finanzmärkte auf die Realwirtschaft übergriff (De Grauwe/Ji 2012).

Eine solche Kontraktion hatte es seit der Großen Depression nicht mehr gegeben. Keynes (1936) schrieb seine General Theory in Reaktion auf die Ereignisse dieser Zeit und machte fundamentale Unsicherheit im oben beschriebenen Sinn zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Theorie. Dieser Aspekt des Keynes’schen Denkens wurde weithin vergessen, selbst von Autoren, die sich als Nachfolger von Keynes sahen (z.B. Malinvaud 1980, Mankiw 1989). Überlegungen, wie mit Situationen der Unsicherheit (im Gegensatz zum Risiko) umgegangen werden kann, zählen jedoch zum Kern der keynesianischen Ökonomie (Skidelsky 2010).

In dieser Hinsicht ist antizyklische Fiskalpolitik mehr als nur ein mechanisches Instrument zur Stimulierung oder Dämpfung der Wirtschaft in Zeiten der Schwäche oder eines Booms. Eher dient sie dazu, die fundamentale Unsicherheit der privaten Akteure durch das Versprechen eines entschlossen und glaubwürdig gegensteuernden Staates zu begrenzen. In Zeiten einer tiefen Rezession stützt die Erwartung öffentlicher Nachfrage den Optimismus der Unternehmen, während die Aussicht auf fiskalpolitische Restriktion in Zeiten ökonomischer Euphorie die unternehmerische Vorsicht fördert.

Jenseits zahlreicher Unterschiede im Detail gehen die Modelle der Mainstream-Ökonomie darüber hinaus allgemein davon aus, dass Märkte eine inhärente Stabilität aufweisen (Lucas 1979). Demnach können selbst die wahrscheinlichkeitstheoretisch begriffenen Risiken die Stabilität nicht gefährden. Dafür wurden zwei Argumente angeführt. Das erste Argument besagt, dass die Flexibilität von Preisen und Löhnen für eine Markträumung sorgt, wobei die Preisanpassung gewährleistet, dass sich die Wirtschaft in die Richtung der gewünschten Balance zwischen Angebot und Nachfrage bewegt. Hinsichtlich der Geschwindigkeit der Anpassung von Preisen und Löhnen unterscheiden sich die Mainstream-Modelle (Skidelsky, 2010). Die Neue Klassische Makroökonomie, die mit der Chicago School of economics verbunden wird, geht von einer sehr hohen Anpassungsgeschwindigkeit aus. Neo-keynesianische Modelle nehmen eine geringere Geschwindigkeit an, so dass die Anpassung länger dauert. In ersterer besteht grundsätzlich kein Bedarf für eine Stabilisierungspolitik, in letzterer kann Stabilisierungspolitik eine geringere Rolle spielen, um die Anpassungsprozesse zu beschleunigen. Im so genannten Washington Consensus, benannt nach dem Sitz des Internationalen Währungsfonds, kam es im Grunde zu einem Kompromiss zwischen neuklassischem und neukeynesianischem Denken (Clarida/Gali/Gertler 1999, Gali/Gertler 2007).

Das zweite Argument betrifft die Rationalität der Akteure, die annahmegemäß wissen, dass das Modell stabil ist und demnach aufgrund rationaler Erwartungen Stabilität unterstellen und somit Stabilität herstellen (Barro 1976, Sargent 2008). Diese sich selbsterfüllenden Rationalitätsüberlegungen erhöhen die Stabilität des Modells deutlich, da Schocks nun als vorübergehende Störung wahrgenommen werden, die keinen Anlass zu einer Panik geben. Die Akteure nehmen einfach an, dass die Wirtschaft letztlich in den Gleichgewichtszustand zurückkehrt, in dem die Kapazitäten voll ausgelastet sind und Vollbeschäftigung herrscht. Diese Annahme verhindert panikhaftes Verhalten und stabilisiert die Wirtschaft.

Des Weiteren beschleunigen rationale Erwartungen den Anpassungsprozess, was den Bedarf an einer Stabilisierungspolitik zusätzlich verringert. Wenn jeder die Rückkehr zur Stabilität erwartet, besteht kein Anlass, Konsum oder Investitionen deutlich einzuschränken. Falls sich außerdem die Preise nur langsam anpassen, dann existiert ein starker Anreiz, den gegenwärtigen Konsum zu erhöhen, da nach der Rückkehr zum Gleichgewicht die Preise möglicherweise höher sind. Rationale Erwartungen erhöhen somit die Stabilität und beschleunigen den Anpassungsprozess.

Es ist vollkommen klar, dass Finanzmärkte und die Makroökonomie nicht durch derartige Mechanismen bestimmt sind. Während der Finanzkrise gerieten die Akteure in Panik. Sie glaubten entweder nicht an eine inhärente Stabilität des privaten Sektors, oder sie hatten keine rationalen Erwartungen. Das Ergebnis ist das gleiche: Instabilität. Plötzlich und in komplettem Widerspruch zu den Schlussfolgerungen der Mainstream-Ökonomie waren massive öffentliche Interventionen notwendig, um die Rückkehr zu einem stabilen Gleichgewicht sicher zu stellen (Horn et al. 2010).

Dies macht deutlich, dass eine dringende Aufgabe für eine erneuerte Art des ökonomischen Denkens darin besteht, einen besseren Weg zu finden, wie mit Unsicherheit umgegangen wird (Skidelsky 2010). Es existieren verschiedene Wege, wie dieser Herausforderung begegnet werden kann. Der erste besteht in der Art, wie Erwartungen gebildet werden. Eine Möglichkeit ist die Annahme eingeschränkter Rationalität, bei der es die Akteure möglicherweise noch nicht einmal wissen, wenn sich die Ökonomie in einem stabilen Zustand befindet. Es gibt viele Gründe für eine eingeschränkte Rationalität, u.a. mangelnde Kenntnisse und hohe Kosten der Informationsbeschaffung. Die Menschen müssen außerdem lernen, wie die Wirtschaft funktioniert. Dies braucht Zeit und während des Lernprozesses können sie definitionsgemäß keine rationalen Erwartungen haben (Evans/Honkapohja 2001). Heterogene Konzeptionen von Erwartungen führen ebenso zu anderen Politikimplikationen im Vergleich zur Neuen Klassischen Makroökonomie. Selbst wenn nur ein Teil der Menschen nicht-rationale Erwartungen hat, hat dies einen spürbaren Anpassungsprozess zur Folge, was einen Spielraum für positive Effekte einer Stabilisierungspolitik eröffnet. Ein weiterer Grund für die Aufgabe der Annahme gleichförmiger rationaler Erwartungen in makroökonomischen Modellen besteht darin, dass Menschen zweifelsohne unterschiedlich sind.

Die Geschichte zeigt, dass Ökonomien und insbesondere Finanzmärkte wiederholt Blasen und Phasen mit irrationalen Übertreibungen hervorgebracht haben (Lux 1995). Zukünftige Modelle sollten dementsprechend Annahmen implizieren, die derartige Entwicklungen zulassen. Vor dem Hintergrund von Unsicherheit kann Herdenverhalten leicht Instabilität produzieren. Wenn niemand weiß oder versteht, was passiert, folgen die Menschen dem Verhalten von Personen oder Institutionen, die scheinbar über entsprechendes Wissen verfügen. Wenn sich jedoch alle in die gleiche Richtung bewegen, sind über das Ziel hinausschießende Ergebnisse unvermeidlich. In diesem Fall kann schnell eine Panik aufkommen, die zerstörerische Effekte in der gesamten Ökonomie auslöst. In einem solchen Rahmen sind Instabilitäten selbst bei rationalen Erwartungen möglich, wenn sich rationale Akteure mit der Herde bewegen, sobald sich diese einmal in Bewegung gesetzt hat. Rationale Erwartungen können dann einen instabilen Prozess sogar noch beschleunigen.

Für eine Vielfalt des Denkens

Das nahezu vollständige Versagen der modernen Makroökonomie hat aber noch tiefer liegende Ursachen als die großzügige Vernachlässigung von Unsicherheit. Dieses Versagen ist eine Folge des Dogmatismus und eines Mangels an Pluralismus. So postulierte Lucas (1980), dass ökonomische Forschung sich ausschließlich auf die Mikrofundierung konzentrieren solle, selbst wenn der Forschungsgegenstand die Makroökonomie ist. Die Kombination von neoklassischer Mikroökonomie und der Annahme, dass Menschen rational agieren, lässt wenig Raum für makroökonomische Politik. Stattdessen wird makroökonomische Politik grundsätzlich zu einer möglichen Quelle ökonomischer Störungen, was wiederum erklärt, warum Mainstream-Ökonomen einen eher passiven Staat befürworten.

Die Forschung hinsichtlich einer Mikrofundierung der Ökonomie ist per se nicht das Problem. Es ist aufschlussreich zu wissen, welche makroökonomischen Phänomene mikroökonomisch, z.B. durch falsche Anreize, begründet sind. Problematisch wird es jedoch, wenn mikroökonomische Begründungen als der einzig denkbare Weg zur Erklärung der Makroökonomie betrachtet werden. Genau dies war in den letzten drei Jahrzehnten aber an zahlreichen Fakultäten und in der Wirtschaftspolitik der Fall und war insbesondere bezüglich letzterer schädlich.

Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass die Akzeptanz nur einer Argumentationslinie hohe Risiken in sich birgt. Was ist, wenn sich dieses Denkschema als unzureichend oder sogar falsch erweist? Innerhalb der Wissenschaft besteht der Schaden lediglich in einem Verlust an Reputation. In der Wirtschaftspolitik kann dies jedoch eine gesamte Ökonomie beeinträchtigen und zu Arbeitsplatz- und Wachstumsverlusten führen. Im Hinblick auf die Politikberatung ist es immer ratsam, unterschiedliche Argumentationslinien zu beachten, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Das Betrachten unterschiedlicher Denkmuster ist ein grundlegendes Qualitätsmerkmal guter Politik. Aus dieser Perspektive muss die Wirtschaftswissenschaft wieder mehr keynesianische Ideen aufnehmen, um zur Wiederherstellung eines solchen Pluralismus beizutragen (Skidelsky 2010).

Dem Vorschlag einer Pluralität der Denkansätze wurde in den letzten zwei Jahrzehnten nicht gefolgt. In Deutschland und – weniger ausgeprägt – in den Vereinigten Staaten dominierte eine nahezu monolithische Kultur basierend auf dem Washington Consensus. Das .Ergebnis dieser Monokultur waren die Finanzkrise und eine tiefe Rezession. Der Rat an zukünftige Wirtschaftspolitiker lautet also: vertraut niemals nur einer einzigen ökonomischen Theorie.

Makro-Fundierungen der Mikroökonomie

Interessanterweise zeigten sich die ersten Zeichen eines größeren Wandels im makroökonomischen Denken lange vor der Krise. Alternativen zum Mainstream, wie z.B. den traditionellen Keynesianismus oder postkeynesianische Ansätze, gab es stets. Diese Alternativen wurden jedoch in den ökonomischen Debatten marginalisiert und als wenig relevant oder intellektuell nicht bedeutsam betrachtet.

Vor diesem Hintergrund kam die Verhaltensökonomie auf, deren Resultate ebenfalls deutlich konträr zur vorherrschenden mikroökonomischen Theorie und den makroökonomischen Modellen sind (Duffy 2008). Insbesondere wird die spezifische mikroökonomische Rationalität, die den makroökonomischen Modellen des Mainstreams zugrunde liegt, von zahlreichen verhaltensökonomischen Experimenten nicht unterstützt. Stattdessen zeigt es sich, dass sich viele Menschen in ihrem mikroökonomischen Verhalten von sozialen Normen leiten lassen (Akerlof 2007). Die Menschen tun bestimmte Dinge, selbst wenn sie ökonomisch rational sein mögen, schlichtweg nicht, wenn diese gesellschaftlich oder von einer Bezugsgruppe nicht akzeptiert werden (Fehr/Goette 2003). Im Gegensatz zu den Standardmodellen können ein drohender Verlust an Reputation oder Vorstellungen hinsichtlich der eigenen Identität einen größeren Anreiz für ein bestimmtes Verhalten darstellen als schlichte monetäre Anreize.

Die Überlegungen hinsichtlich der Rolle von Normen führen zu einer nahezu revolutionären Schlussfolgerung. Möglicherweise wäre es sinnvoller, die Makrofundierungen der Mikroökonomie zu untersuchen, anstatt umgekehrt, wie dies bislang üblich war. Dies würde in eine bereits länger existierende Forschungstradition passen, welche die Heterogenität zum Gegenstand hat (Ball/Cecchetti 1988). Wenn Menschen unterschiedlich sind, das heißt unterschiedliche Präferenzen, Informationsbestände und Formen der Erwartungsbildung haben, wird es schwierig, einen Gleichgewichtszustand zu finden, in dem alle Transaktionen im gewünschten Maße koordiniert sind, weil es unter diesen Umständen unmöglich ist zu antizipieren, wie andere Marktteilnehmer auf eine Veränderung der Nachfragestrukturen reagieren. Dies gilt insbesondere in Krisenzeiten, wenn die Unsicherheit aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen bereits groß ist. Die aus der Heterogenität resultierende Unsicherheit macht dies nur noch komplizierter und die private Wirtschaft noch instabiler.

Aus makroökonomischer Perspektive ist die Etablierung gesellschaftlicher Normen, die das Verhalten der Menschen in bestimmten Situationen regeln, rational. Solche Normen verschaffen den Akteuren bessere Informationen darüber, wie andere agieren und reagieren. In dieser Weise können Normen die Ökonomie sogar stabilisieren.

Zusammengenommen können ein verbesserter Informationszugang und stabilisierende Normen die Wirtschaft robuster machen und die Wahrscheinlichkeit überzogener Ausschläge, egal in welche Richtung, verringern. Daher sollten zukünftige Ökonomen ihre Forschung darauf ausrichten, welche Rolle Normen für das individuelle Verhalten spielen und welchen Einfluss sie auf die makroökonomische Entwicklung haben.

Die Notwendigkeit einer Politischen Ökonomie

Überblickt man all die Bereiche, die zukünftige Ökonomen erforschen sollten, kommt man zu einer wichtigen Schlussfolgerung. Ökonomie sollte als eine politische Wissenschaft betrachtet und verstanden werden. Dies sollte nicht als eine Aufforderung gedeutet werden, die Wirtschaftswissenschaft stärker mit Parteipolitiken zu verbinden. Vielmehr ist es wichtig, dass die ökonomische Forschung der betreffenden Gesellschaft, auf die sie sich bezieht, Rechnung trägt. Die politischen und soziologischen Bedingungen können zwischen verschiedenen Ökonomien erheblich variieren. Die Wirtschaftswissenschaft sollte Methoden entwickeln, dies in ihre Modelle zu integrieren. Das erfordert, dass der Makroökonomie mehr Gewicht beigemessen wird, und zwar nicht als eine Ableitung der Mikroökonomie, sondern als selbständiger Bereich. Das bedeutet, dass die entsprechenden makroökonomischen Bedingungen beachtet werden und insbesondere der Frage nachgegangen wird, wie die inhärente Instabilität des privaten Sektors reduziert werden kann. Vor allem jedoch darf nicht vergessen werden, dass die Ökonomie immer mit Unsicherheit zu tun hat, das heißt mit Situationen, in denen die Wahrscheinlichkeitstheorie nicht anwendbar ist und konventionelle statistische Methoden nicht weiter helfen. Um dieses schwierige Problem angehen zu können, sind jedoch methodologische Fortschritte erforderlich.

Wenn zukünftige Ökonomen diese Überlegungen berücksichtigen, sollten sie in der Lage sein, solide Politikempfehlungen abzugeben. Das bedeutet nicht, dass alle die gleichen Empfehlungen abgeben. Debatten werden stets ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaftswissenschaft sein. In der Zukunft wird die Wirtschaftswissenschaft jedoch hoffentlich erkennen, dass politische Überlegungen einen wichtigen Teil des ökonomischen Denkens bilden.

 

Literatur

Akerlof, G. (2007): The Missing Motivation; Presidential Address for the American economic Association, Manuskript: http://www.aeaweb.org/annual_mtg_papers/2007/0106_1640_ 0101.pdf

Ball, L./Cecchetti, S. G. (1988): Imperfect Information and Staggered Price Setting; in: American Economic Review, vol.78, S. 999 - 1018.

Barro, R. A. (1976): Rational Expectations and the Role of Monetary Policy; in: Journal of Monetary Policy, vol 1.

Clarida R./Gali, J./Gertler, M. (1999): The Science of Monetary Policy: A New Keynesian Perspective; in: Journal of Economic Literature, vol. XXXVII, S. 1661-1707.

Colander,D./Föllmer,H./Haas,A./Goldberg, M./Juselius, K./Kirman, A./Lux, T./Sloth, B. (2009): The Financial Crisis and the Systemic Failure of Academic Economics; University of Copenhagen, Discussion Papers 09-03.

De Grauwe , P./Ji, Y. (2012): Mispricing of Sovereign Risks and Multiple Equilibria in the Eurozone; CEPs Working Paper No. 361, January.

Duffy, J. (2008): Macroeconomics: A Survey of Laboratory Research; Manuscript: http://www.pitt.edu/~jduffy/papers/hee11.pdf

Evans, G. W./Honkapohja, S. (2001): Expectations and the Stability Problem for Optimal Monetary Policies; CEPR Discussion Papers No. 2805, June 2001.

Fehr E./Goette, L. (2003): Robustness and Real Consequences of Nominal Wage Rigidity; Institute for Empirical Research in Economics, University of Zurich, Working Paper No.44.

Gali, J./Gertler, M. (2007): Macroeconomic Modeling for Monetary Policy Evaluation; in: Journal of Economic Perspectives, American Economic Association, vol. 21(4), S. 25-46.

Horn, G. A./Sturn, S./Tober, S./Truger, A. (2010): Herausforderungen für die Wirtschaftspolitik 2010. Geldpolitik, Finanzpolitik und Arbeitsmarktpolitik in diesem Jahr; IMK Report Nr. 46, January.

IMK/OFCE/WIFO (2013): Crisis continues to smoulder; IMK Report Nr. 80e, Mai 2013, Joint analysis of the Macro Group IMK (Düsseldorf), OFCE (Paris) und WIFO (Wien).

Keynes, J. M. (1936): The General Theory of Employment, Interest and Money; (C.W., Vol. XII).

Lucas, R. E. jr (1979): An Equilibrium Model of the Business Cycle; in: Journal of Political Economy, 83, S. 113-144.

Lucas, R. E. jr. (1980): Methods and Problems in the Business Cycle Theory; in: Journal of Money, Credit and Banking, vol 12, S. 696-715.

Lux ,T. (1995): Herd Behaviour, Bubbles and Crashes; in: Economic Journal, vol .105, S. 881-896.

Malinvaud, E. (1980): Profitability and Unemployment; Cambridge University Press.

Mankiw, N. G. (1989): Real Business Cycle: A New Keynesian Perspective; in: Journal of Economic Perspectives, vol.3, No.3, S. 79-90.

Sargent, T. (2008): Evolution and Intelligent Design; in: American Economic Review, vol. 98:1, S. 5-37.

Skidelsky, R. (2010), Die Rückkehr des Meisters, Kunstmann, München.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Beck


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Herbert Ludwig schrieb am 2. April 2014 um 11:58 Uhr:

Ein guter Artikel. In die gleiche Richtung geht der folgende:
http://fassadenkratzer.wordpress.com/2014/01/31/503/

Versager schrieb am 31. März 2014 um 14:45 Uhr:

Anhand der Frage, warum bisher nur ein Deutscher den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften gewonnen hat, stellt Kern als einstiger Inhaber des Lehrstuhls für international vergleichende Soziologie an der Göttinger Georg-August-Universität am 6. Februar 2009 anlässlich seines Vortrags vor der Akademie der Wissenschaften fest, dass die hiesigen Vertreter besagter Disziplin nicht imstande sind, den strukturell dafür stets zwingend existenten Engpass von zugleich stark und schwach institutionalisierten Netzwerken im Sinne eines Wechselspiels zwischen Kooperation und Kampf, Soziabilität und In-sich-Gekehrtsein/Isolation hinter sich zu lassen. Insofern ist es keine erkenntnistheoretisch zu bearbeitende Angelegenheit, warum niemand die gegenwärtige Krise hat kommen sehen, sondern Folge einer geradezu massenhaft mit Vorsatz verübten Verfehlung überaus weiter Teile der Politischen Ökonomie im Angesicht der Notwendigkeit, sich dem in Rede stehenden Imperativ alles Sozialen stillschweigend zu fügen. Horn geht somit offenbar in derselben verwerflichen Weise auf direktem Wege in die Irre.

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Prof. Dr. Gustav Horn
Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Düsseldorf
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