Gegenblende | Ausgabe 15: Mai/Juni 2012 | „Anders links sein“

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Montag, 7. Mai 2012

„Anders links sein“

von: Sebastian Henneke
Buchdeckel "Anders links sein"

Klartext

Einfach hat es sich der Autor Stefan Remeke nicht gemacht. In seiner Duett-Biografie „Anders links sein“ widmet er sich gleich zwei herausragenden Köpfen der Gewerkschaftsbewegung der 1970er und 1980er Jahre. Mit beeindruckender Recherchetiefe und fundiertem Wissen über die Gewerkschaftsszene skizziert Remeke entlang der Lebenslinien von Maria Weber und Gerd Muhr die Geschichte der Gewerkschaften und des DGB in der alten Bundesrepublik.

Auf der einen Seite steht Maria Weber, Tochter eines katholischen Bergmanns aus dem Ruhrpott, engagierte Betriebsrätin, CDU-Mitglied und langjährige stellvertretende DGB-Vorsitzende. Und auf der anderen, Gerd Muhr, Sohn einer katholischen Arbeiterfamilie aus der rheinischen Provinz, Betriebsrat, Sozialexperte im Vorstand der IG Metall, Sozialdemokrat, dann DGB-Vorstandsmitglied und später Präsident des ILO-Verwaltungsrates. Alleine diese grundlegende biografische Aufzählung macht bereits deutlich, mit welchen rein quantitativen Dimensionen sich diese Biografie befasst. Die Herausforderung scheint für Remeke – von Hause aus Historiker – weniger das Aufzählen der verschiedenen Lebenswendungen. Sein Verdienst liegt vielmehr darin, die Geschichte der Einheitsgewerkschaft erfasst zu haben und lesenswert wiederzugeben. Zugleich gelingt es ihm, die Lebensläufe von Weber und Muhr detailliert darzustellen und im Kontext ihrer Generation zu reflektieren.

So zum Beispiel die unterschiedlichen Erfahrungen während des 2. Weltkrieges. Gerd Muhr war Maschinist auf einem Flottenbegleitschiff und Maria Weber war Arbeiterin in einer Fabrik für Treibstoffe. Dann die Jahre des beruflichen Wiedereinstiegs, der Beginn der gewerkschaftlichen Karriere, der Wechsel auf die Bundesebene. Alle frühen Wendungen werden hier vor dem Hintergrund des konservativ-katholischen Milieus gespiegelt, aus dem beide stammen. Maria Webers Erfahrungen von Solidarität unter den katholischen Kollegen im Betrieb, von denen sie nach einer despektierlichen Äußerung über das „Dritte Reich“ geschützt wurde. Oder aber Gerd Muhrs Abkehr vom CDU-Umfeld hin zur SPD in den 1950er Jahren, weil seine Erfahrungen als Gewerkschaftssekretär ihn zu anderen Schlussfolgerungen kommen ließ, als die politischen Ziele der Adenauer-CDU.

Besonders spannend und gelungen sind die Passagen, wo Weber und Muhr im Zentrum fundamentaler, innergewerkschaftlicher Schlüsselentscheidungen stehen. So zum Beispiel im Jahr 1956: Der DGB hatte zum großen Unmut der Christlich-Sozialen im Bundestagswahlkampf 1953 („Wir wollen einen besseren Bundestag“) eingegriffen. Man wollte den politischen Wechsel. Ein Eklat, der für die Christlich-Sozialen das Prinzip der Einheitsgewerkschaft verletzt hatte. Das Problem: Die Einheitsgewerkschaften konnten in einem solchen Fall noch nicht auf ein bewährtes Krisenmanagement zurückgreifen. Und, dass diese Krise gefährlich werden konnte, zeigte sich, als 1955 die Christliche Gewerkschaftsbewegung Deutschlands (CGD) gegründet wurde – wie sich herausstellte, zwar ohne nennenswerten Erfolg, aber das war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

Als dann im Jahr 1956 Thea Harmuth, Webers Mentorin und Vorgängerin im DGB-Bundesvorstand, verstarb, stand keinesfalls fest, dass die von Hans Böckler 1949 vorgegebene Proporzbesetzung im DGB-Bundesvorstand weiterhin gültig sein würde. Doch unter dem Eindruck der vorangegangenen Konflikte stand der DGB-Vorsitzende Walter Freitag eindeutig in der Tradition seines Vorgängers und sicherte den Christlich Sozialen, wie gehabt, zwei Sitze im Vorstand. Der Beginn für Maria Webers 26-Jährige Arbeit im DGB-Bundesvorstand.

Als „sehr prägend“ beschreibt Remeke Gerd Muhrs Jahre im Vorstand der IG Metall unter Otto Brenner. Der legendäre Vorsitzende der Metallgewerkschaft, der die Gewerkschaft unter den Vorzeichen des Wirtschaftswunders in die Offensive führte und sich von einem „Think Tank“ aus Linksintellektuellen beraten ließ und vor allem das IG-Metall-Engagement auf internationaler Ebene forcierte. Erfahrungen, die für Gerd Muhr wegweisend waren.

Die umfassende Quellenbasis des Buches ermöglicht es, die Leistungen und Einstellungen von Weber und Muhr umfassend zu erleben. Die großen Themen, für die sie ein Leben lang gekämpft haben: Die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Ganztagsschulen – „Lebensthemen“, die Maria Weber entscheidend mitgeprägt hat. Besonders interessant sind Argumente, die heute – zumindest in der breiteren Diskussion um Bildung und Chancengleichheit – keine Rolle mehr spielen. So zum Beispiel Webers harsche Kritik an Hausaufgaben. Diese waren für sie ein Element, das Frauen „die Freiheit nimmt einen Beruf auszuüben“ und die Bildungschancen von Kindern aus Arbeiterfamilien hemmt.

Bei Gerd Muhr war es sein internationaler Einsatz für eine bessere Arbeitswelt – als Botschafter in Sachen nationale und internationale Sozialpolitik. Zum Beispiel für ein Arbeitssicherheitsgesetz 1973 einzutreten. Zwar ermöglichte die linksliberale Regierung unter Willy Brandt, dass die Gewerkschaften sich federführend bei Themen der Arbeitswelt mit einbrachten, doch Remeke belegt, dass es das effiziente Engagement von Gerd Muhr war, das dieses Gesetz zustande brachte – und das im Einklang mit den Arbeitgebern und der Ärzteschaft. Oder seine Arbeit im Verwaltungsrat der Internationalen Arbeitsorganisation ab 1970. Der Kampf für Gewerkschaftsrechte in Griechenland, Spanien und den osteuropäischen Staaten war für ihn Verpflichtung und ein konsequent verfolgter Auftrag. Auch hier bettet Remeke gekonnt Muhrs Arbeit in den Rahmen der globalen Kontexte ein. Aber auch fernab der großen politischen Schauplätze weiß die Biografie zu unterhalten. Wenn es darum geht, Gewerkschaftsalltag in den 1970er Jahren darzustellen. Zum Beispiel die beschwerliche zweitägige Reise per Auto nach Genf zur ILO und die dortige, eher günstige Unterbringung.

Das Fazit: „Anders links sein“ erzählt umfassend, kenntnisreich und sehr unterhaltsam, was DGB und Gewerkschaften von 1949 bis 1990 an beschäftigt hat – innergewerkschaftlich, auf nationaler und internationaler Ebene. Gewürdigt werden dabei die Lebensleistung von Maria Weber und Gerd Muhr nicht nur durch das bloße Aufzählen ihrer Taten, sondern vor allem durch den Abgleich mit den jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Situationen. Der spezielle Verdienst dieses Buches liegt allerdings woanders. Besonders in den Kapiteln zu Maria Weber zeichnet die Biografie die lebhafte Geschichte der Einheitsgewerkschaft. Genau in diesen Kapiteln kommt dann auch der Titel des Buches richtig zu Geltung.

 

Stefan Remeke, Anders links sein - Auf den Spuren von Maria Weber und Gerd Muhr, 592 Seiten, 42,00 Euro, ISBN: 978-3-8375-0488-0

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