Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 22: Juli/August 2013 | Die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses oder: Wie prekär ist der Arbeitsmarkt?

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Mittwoch, 17. Juli 2013

Die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses oder: Wie prekär ist der Arbeitsmarkt?

von: Thomas Lakies
Bohrmaschine

Mathias the dread / photocase.com

Ein regulierter Arbeitsmarkt ist in der Geschichte des Kapitalismus eher die Ausnahme als die Regel. Die „Goldenen Jahre“ des „rheinischen Kapitalismus“ von 1950 bis Mitte der 1970er Jahre waren geprägt von hohem, beständigen Wachstum und der Ausweitung der Wohlfahrtsstaatlichkeit.[1] Der weitgehend regulierte Arbeitsmarkt wurde dominiert durch das „Normalarbeitsverhältnis“ - das unbefristete, auf Dauer angelegte sozialversicherungsrechtlich abgesicherte Vollzeitarbeitsverhältnis, das ein auskömmliches Einkommen und eine lebensstandardsichernde Rente garantierte.

Abschied vom „Normalarbeitsverhältnis“, Zunahme der „Prekarisierung“

Seit den 1980er Jahren wird von einer „Erosion“ oder „Krise“ des Normalarbeitsverhältnisses und von einer Zunahme „atypischer“ Beschäftigungsverhältnisse ausgegangen.[2] In jüngerer Zeit wird die Diskussion verstärkt unter dem Stichwort der „Prekarisierung der Arbeit“ geführt. Von prekärer Beschäftigung, deren stete Zunahme unterstellt wird, spricht man, wenn ein Erwerbsverhältnis unterhalb eines von der Gesellschaft als Standard definierten Minimums an Einkommens-, Schutz- und sozialem Integrationsniveau liegt. Beschäftigungsunsicherheit und Löhne unterhalb des Existenzminimums sind zentrale Merkmale für prekäre Beschäftigungsverhältnisse.[3]

Doch auch die „Prekarisierung“ ist nicht erst ein Phänomen des beginnenden 21. Jahrhunderts. Bereits seit Mitte der 1970er Jahren wird – so der 2007 verstorbene André Gorz – von einer Tendenz zur Spaltung oder „Dualisierung“ des Arbeitsmarktes in den industrialisierten Ländern gesprochen: „Eine privilegierte Schicht stabiler und ihrem Betrieb ergebener Kernbelegschaften steht mittlerweile einer wachsenden Masse von prekär Beschäftigten, Zeitarbeitern, Arbeitslosen und Jobbern gegenüber.“[4] Und der WSI-Forscher Wolfgang Lecher meinte 1985, dass der Interessengegensatz von Arbeit und Kapital zunehmend von einem Interessengegensatz zwischen „Stammarbeitnehmern“ und Randbelegschaften bzw. Arbeitslosen überlagert werde. Die Gewerkschaften gerieten in Gefahr, zu einem Versicherungsverein für eine relativ kleine, privilegierte Stammbelegschaft zu werden.[5]

Das Statistische Bundesamt bezeichnet Beschäftigungsverhältnisse als prekär, wenn sie nicht geeignet sind, auf Dauer den Lebensunterhalt einer Person sicherzustellen und/oder deren soziale Sicherung zu gewährleisten. Bei der Einstufung einer Erwerbstätigkeit als prekär sind auch persönliche Lebensumstände des Erwerbstätigen, wie der bisherige Verlauf des Arbeitslebens und der Haushaltskontext, zu beachten.[6] Prekäre Beschäftigung kann nicht per se mit atypischer Beschäftigung gleichgesetzt werden: zum einen garantieren auch Vollzeittätigkeiten, die weder befristet noch in der Form der Leiharbeit erbracht werden, nicht stets ein existenzsicherndes Erwerbseinkommen; zum anderen wird in der neueren „Prekarisierungsdebatte“ mehr abgestellt auf den „lebensweltlichen Kontext“.[7]

Empirie der „atypischen“ Beschäftigung

Die Zahl der Erwerbstätigen (die auch nicht sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, Beamte und Selbstständige mit umfasst) betrug in Deutschland im Jahr 2011 41 Millionen Menschen, davon 4,5 Millionen Selbstständige und 36,5 Millionen abhängig Beschäftigte. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten betrug 28,4 Millionen, 4,9 Millionen waren ausschließlich geringfügig Beschäftigte („Mini-Jobs“).[8]

57 Prozent der Selbstständigen sind sog. Solo-Selbstständige, von denen viele nur ein geringes Einkommen haben. Das mittlere Einkommen der Solo-Selbstständigen liegt unter dem der Arbeitnehmer. 31 Prozent der Solo-Selbstständigen erreichen lediglich Einkünfte, wie sie die Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor erhalten.[9]

In der offiziellen Statistik gibt es die Kategorie der „Standarderwerbsformen“, die neben unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen in Vollzeit (außerhalb der Leiharbeit) auch Selbstständige erfasst, also auf die Erwerbstätigen insgesamt abstellt. Daneben werden „atypische Erwerbsformen“ erfasst, das sind Teilzeitbeschäftigte (ohne geringfügige Beschäftigung, mit Leiharbeitnehmern und befristeten Teilzeitkräften), geringfügig Beschäftigte, befristet Beschäftigte, Leiharbeitnehmer und Personen mit Nebentätigkeit. Betrachtet man die Entwicklung der Erwerbsformen (unter Einbeziehung Selbstständiger) zeigt sich bei den Standarderwerbsformen ein Rückgang von 27 Millionen im Jahr 1991 auf 23,4 Millionen (1999) und 22,6 Millionen im Jahr 2009. Die „atypischen Erwerbsformen“ stiegen demgegenüber von 7,8 Millionen im Jahr 1991 auf 10,5 Millionen (1999) und 13,9 Millionen im Jahr 2009.[10]

In Prozentzahlen sank der Anteil der Standerwerbsformen von 72 Prozent (1991) auf 58 Prozent (2009). Der Anteil der atypischen Erwerbsformen stieg von 21 Prozent (1991) auf 36 Prozent (2009).[11] Prägnant sind die sektoralen Unterschiede: Im sekundären Sektor (produzierender Sektor) betrug 2009 der Anteil atypischer Erwerbsformen 19 Prozent, im primären Sektor (Land-, Forstwirtschaft und Fischerei) 34 Prozent und im tertiären Sektor (Dienstleistungssektor) 41 Prozent. Frauen sind vom Wandel der Erwerbsformen wesentlich stärker betroffen als Männer. Der Anteil der erwerbstätigen Frauen in Standarderwerbsformen ging von 58 Prozent im Jahr 1991 auf 43 Prozent im Jahr 2009 zurück, bei den Männern betrug der Anteil 82 Prozent im Jahr 1991 und 72 Prozent im Jahr 2009.

Betrachtet man die Anteile atypischer Beschäftigungsformen an allen abhängig Beschäftigten zeigt sich ein Anstieg von 27 Prozent im Jahr 1996 auf 39 Prozent im Jahr 2008. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten an allen Arbeitnehmern stieg von zehn Prozent im Jahr 1996 auf 16 Prozent im Jahr 2008. Stellt man auf das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen ab, zeigt sich ebenfalls ein Anstieg, der allerdings (wegen der vielfach kurzen Arbeitszeiten bei atypischer Beschäftigung) moderater ausfällt. Die Anteile atypischer Beschäftigungsformen am gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumen stiegen von 18 Prozent im Jahr 1996 auf 24 Prozent im Jahr 2008. Der Anteil der geringfügig Beschäftigten am gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumen stieg von 4 Prozent im Jahr 1996 auf 7 Prozent im Jahr 2008.[12]

Das Statistische Bundesamt kommt auf der Basis des Mikrozensus zu partiell abweichenden Daten. Im Jahr 2011 gab es danach 31,6 Millionen abhängig Beschäftigte, davon 7,9 Millionen atypisch Beschäftigte. Der prozentuale Anteil der atypisch Beschäftigten betrug im Jahr 2011 25 Prozent. Das Statistische Bundesamt erfasst als „atypische Beschäftigung“ alle unselbständigen Erwerbsformen, die eines oder mehrere der folgenden Merkmale aufweisen: Befristung, Teilzeitbeschäftigung mit 20 oder weniger Wochenstunden, Leiharbeitsverhältnis, geringfügige Beschäftigung (Mini-Jobs). Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass der prozentuale Anteil der atypisch Beschäftigten zwar von 14 Prozent (1991) auf 17 Prozent (1996) und 20 Prozent (2001) sowie 25 Prozent im Jahr 2006 anstieg, seitdem jedoch eine Stagnation auf diesem Niveau festzustellen ist.[13]

Teilzeitbeschäftigung als „atypische“ Beschäftigung?

Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten mit 20 oder weniger Wochenstunden stieg von acht Prozent (1991) auf elf Prozent (1996) und 14 Prozent (2001) sowie 16 Prozent im Jahr 2006 und stagniert seitdem auf diesem Niveau. Entsprechendes gilt für die geringfügig Beschäftigten. Deren prozentualer Anteil stieg von zwei Prozent (1991) auf vier Prozent (1996) und sechs Prozent (2001) sowie neun Prozent im Jahr 2006 und stagniert seitdem auf diesem Niveau (mit leicht fallender Tendenz, 2011: 8,5 Prozent).

Wer auch die „reguläre“ Teilzeitarbeit mit mehr als 20 Wochenstunden unter die „atypische“ Beschäftigung subsumiert, kommt zu einem Anteil der „atypischen“ Beschäftigung an der Gesamtbeschäftigung von mehr als einem Drittel.[14] Ob man die Teilzeitbeschäftigung mit mehr als 20 Wochenstunden zwingend als „atypisch“ deklarieren muss, ist zweifelhaft, weil von vielen, insbesondere Frauen, diese Form der Teilzeitbeschäftigung, jedenfalls zeitweilig, freiwillig gewünscht wird und deshalb eine Zunahme regulärer Teilzeitarbeit nicht per se beanstandungswürdig, sondern Ausdruck des Bedürfnisses nach individueller Zeitsouveränität oder des Wunsches nach Vereinbarkeit mit Nichterwerbstätigkeiten ist. Dem müsste eher mit einem Rechtsanspruch zugunsten der Beschäftigten auf „optionale Arbeitszeitgestaltung“ und einer Rückkehroption von einem Teilzeit- auf einem Vollzeitarbeitsplatz entsprochen werden, als die (zeitweise) Teilzeitbeschäftigung als Abweichung von der Norm zu problematisieren.[15]

Allerdings muss man konstatieren, dass es in einigen Branchen, etwa im Reinigungsgewerbe, im Einzelhandel und der Gastronomie, das Phänomen der „Zwangsteilzeit“ gibt, das heißt, dass Vollzeitstellen von den Unternehmen kaum noch angeboten werden, sondern lediglich Teilzeitstellen mit weniger als 20 Wochenstunden oder gar nur noch „Mini-Jobs“. Statistisch wird das unter der Kategorie der „Unterbeschäftigung“ erfasst. Das meint Erwerbstätige, die den Wunsch nach zusätzlichen Arbeitsstunden haben und für diese auch zur Verfügung stehen. Im Jahr 2011 wollten 3,7 Millionen Erwerbstätige mehr arbeiten, knapp eine Million weniger. „Unterbeschäftigte“ möchten ihre Wochenarbeitszeit durchschnittlich um 11,5 Stunden erhöhen, „Überbeschäftigte“ um durchschnittlich 11,7 Stunden reduzieren. Von den 3,7 Millionen unterbeschäftigt Erwerbstätigen übten knapp zwei Millionen eine Teilzeitstelle (davon 1,4 Millionen Frauen) aus, immerhin 1,7 Millionen (davon 1,3 Millionen Männer) eine Tätigkeit von mindestens 32 Wochenstunden („Vollzeittätigkeit“). „Unterbeschäftigte“ in Teilzeit möchten ihre Wochenarbeitszeit durchschnittlich um 15,5 Stunden erhöhen, „Unterbeschäftigte“ in Vollzeit um 6,9 Stunden.[16]

Leiharbeit: Anstieg auf niedrigem Niveau

Seit der grundlegenden Reform der Leiharbeit durch die „rot-grüne“ Koalition 2003/2004 lässt sich ein Anstieg der Leiharbeit feststellen, wobei diese bezogen auf den Gesamtarbeitsmarkt nach wie vor nur von marginaler Bedeutung ist. Die Zahl der Beschäftigten in der Leiharbeit lag im Dezember 1990 bei 119.000, im Dezember 2000 bei 338.000 und im Juni 2012 bei 908.000. In den letzten zehn Jahren hat sich ihre Zahl damit verdreifacht, in den letzten 30 Jahren versechsfacht. Der Anteil der Leiharbeit an allen Beschäftigten betrug im Jahr 2000 1,2 Prozent und im Jahr 2010 und 2011 2,9 Prozent, im Oktober 2012 2,6 Prozent. Zu einem großen Teil handelt es sich bei der Leiharbeit um kurzzeitige Beschäftigungsverhältnisse: 47 Prozent dauern kürzer, 54 Prozent länger als drei Monate.[17]

Ausweitung der „Mini-Jobs“ (geringfügige Beschäftigung)

Ende 2011 betrug die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten 28,8 Millionen. In geringfügiger nicht sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung befanden sich 7,5 Millionen, davon 4,9 Millionen ausschließlich mit einer geringfügigen Beschäftigung und 2,6 Millionen mit einer geringfügigen Beschäftigung als Nebenbeschäftigung (zusätzlich zu einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung). Der Anteil von ausschließlicher geringfügiger Beschäftigung im Vergleich zu sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung beträgt 17 Prozent. Eine signifikante Erhöhung der geringfügigen Beschäftigung gab es von 4,2 Millionen im Jahr 2002 auf knapp sechs Millionen im Jahr 2003. Seit 2004 liegt das Niveau relativ konstant bei gut sieben Millionen.[18] Bei den ausschließlich geringfügig Beschäftigten handelt es sich zu 20 Prozent um Schüler/Studierende und zu 22 Prozent um Rentner/-innen, also um „klassische“ Fälle des Zuverdienstes. Eine soziale Absicherung ist für diese Personen vielfach nicht zwingend aus der geringfügigen Beschäftigung erforderlich.[19]

Die Daten des IAB-Betriebspanels zeigen, dass der Anteil geringfügiger Beschäftigung in den Betrieben zwischen 2006 und 2011 nahezu konstant geblieben ist. Mini-Jobs sind besonders häufig in kleineren Betrieben anzutreffen. Der Anteil von Mini-Jobbern an allen Beschäftigten betrug im Jahr 2011 in Betrieben mit bis zu neun Beschäftigten 20 Prozent, in Betrieben mit zehn bis 99 Beschäftigten 15 Prozent und in Betrieben ab 100 Beschäftigten fünf Prozent. Besonders verbreitet sind die Mini-Jobs in Dienstleistungsbranchen, dort vor allem im Einzelhandel und in der Gastronomie. Der Anteil der Mini-Jobber an allen Beschäftigten betrug in der Land- und Fortwirtschaft 17 Prozent, im Einzelhandel 23 Prozent, im Gastgewerbe 34 Prozent und bei sonstigen Dienstleistungen 25 Prozent. Hinweise auf die Verdrängung von sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung durch Mini-Jobs gibt es insbesondere in kleinen Betrieben. In größeren Betrieben scheinen sich die beiden Beschäftigungsformen eher zu ergänzen. In Betrieben ab 100 Beschäftigten geht die Zunahme von Mini-Jobs mit einem Wachstum an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung einher.[20]

Die Ausweitung der geringfügigen Beschäftigung hat wesentlich seine Ursache in der gesetzlichen Neuregelung der „rot-grünen“ Koalition durch das „Zweite Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ („Hartz II“) zum 1.4.2003. Die Geringfügigkeitsgrenze wurde von 325 Euro auf 400 Euro angehoben und vor allem die bis dahin geltende Begrenzung der Arbeitszeit auf maximal 15 Wochenstunden ersatzlos gestrichen, zudem wurde die erst 1999 eingeführte Steuer- und Sozialabgabenpflicht für geringfügige Nebenjobs wieder abgeschafft. Seit 1.1.2013 liegt die Grenze bei 450 Euro.

Die Entwicklung befristeter Beschäftigungsverhältnisse

Nach wie vor ist nur eine Minderheit der abhängig Beschäftigten in einem befristeten Arbeitsverhältnis tätig, wenn man auf die Gesamtzahl aller Arbeitnehmer abstellt. Zwar stieg die Befristungsquote (der Anteil befristet Beschäftigter an allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen) von fünf Prozent im Jahr 1996 auf neun Prozent im Jahr 2010 (in absoluten Zahlen sind das zwei Millionen. Arbeitskräfte)[21] - gleichwohl: stellt man auf den gesamten Arbeitsmarkt ab, sind über neunzig Prozent der Beschäftigten in unbefristeten Arbeitsverhältnissen tätig.

Andererseits zeigt sich die zunehmende Bedeutung von befristeter Beschäftigung, wenn man den Anteil von befristeten Verträgen bei Neueinstellungen betrachtet. Der Anteil von befristeten Neueinstellungen an allen Neueinstellungen betrug im Jahr 2001 32 Prozent und stieg bis in das Jahr 2010 auf 46 Prozent. Der Anteil befristeter Neueinstellungen steigt mit der Betriebsgröße: In Betrieben bis zu zehn Beschäftigten erfolgten 2010 22 Prozent aller Neueinstellungen befristet, in Betrieben ab 250 Beschäftigten 61 Prozent aller Neueinstellungen. Es gibt auch deutliche Unterschiede je nach Branche. So betrug im Jahr 2010 der Anteil von befristeten Arbeitsverträgen an Neueinstellungen im Baugewerbe 25 Prozent, im Einzelhandel 38 Prozent, im Gastgewerbe 46 Prozent, in der Land- und Forstwirtschaft 74 Prozent, im Gesundheits- und Sozialwesen 57 Prozent, in der Branche Erziehung und Unterricht 69 Prozent und in der öffentlichen Verwaltung 72 Prozent. Befristete Arbeitsverträge sind in der Regel von relativ kurzer Dauer: 30 Prozent der Befristungen dauerten im Jahr 2009 bis zu sechs Monate, 46 Prozent sechs bis zwölf Monate, 19 Prozent zwölf bis 24 Monate und nur 5 Prozent länger als zwei Jahre.[22]

Der „rot-grüne“ Gesetzgeber hielt es bei der Verabschiedung des Teilzeit- und Befristungsgesetzes zum 1.1.2001 für notwendig, neben Befristungen mit Sachgrund die Vereinbarung von befristeten Arbeitsverhältnissen ohne Sachgrund bis zur Dauer von zwei Jahren (die sog. erleichterte Befristung) zuzulassen. Damit (so die Gesetzesbegründung) werde es Unternehmen ermöglicht, auf eine unsichere oder schwankende Auftragslage und wechselnde Marktbedingungen durch Neueinstellungen flexibel zu reagieren und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Für viele Arbeitnehmer sei die befristete Beschäftigung eine Alternative zur Arbeitslosigkeit und zugleich eine „Brücke zur Dauerbeschäftigung“.[23]

In der arbeitsmarktwissenschaftlichen Diskussion ist es umstritten, ob befristete Arbeitsverhältnisse eine „Brückenfunktion in reguläre Beschäftigung“ haben oder nicht vielmehr ein „Drehtüreffekt“ entstehe, also ein steter Austausch der befristet Beschäftigten. Nach den Daten für das Jahr 2010 lag die Übernahmequote (in unbefristete Verträge) bei 52 Prozent der befristet Beschäftigten, im produzierenden Gewerbe bei 59 Prozent, in der Branche der Sozialen Dienstleistungen bei 51 Prozent und bei Betrieben im öffentlichen Eigentum bei nur 39 Prozent.[24]

Folgen der „Hartz“-Gesetzgebung

Häufig wird für die „Prekarisierung der Arbeit“ auch die „Hartz IV“-Gesetzgebung verantwortlich gemacht und die Zunahme der atypischen und Niedriglohnbeschäftigung in einem Zusammenhang mit dieser gebracht. Bei der Konstruktion eines Kausalzusammenhangs sind Differenzierungen angezeigt. Durch das „Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ (umgangssprachlich „Hartz IV“) wurde die „alte“ Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe zu einer Sozialleistung zusammengelegt, dem Arbeitslosengeld II. Die Höhe dieser Leistung zur Existenzsicherung mag diskussionswürdig sein, hat aber zunächst keine zwingenden Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, allenfalls in der Weise, dass die Beschäftigung zu Niedriglöhnen durch die Aufstockung auf das Existenzminimum (durch „aufstockende“ Gewährung von Arbeitslosengeld II) staatlicherseits subventioniert wird.

Der Druck auf die Beschäftigten und die Angst vor dem Fall auf das Sozialhilfeniveau hat wesentlich seine Ursache einerseits in dem Wegfall der Arbeitslosenhilfe (die vom Niveau her jedoch häufig kaum höher war als die frühere Sozialhilfe und das heutige Arbeitslosengeld II) und vor allem in der Verkürzung der Bezugsdauer des „regulären“ Arbeitslosengeldes. Die Bezugsdauer wurde durch das „Dritte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ („Hartz III“) zum 1.2.2006 auf maximal zwölf Monate (ab 55 Lebensjahren auf 18 Monate) verkürzt. Erst seit Januar 2008 (eingeführt durch die „große Koalition“) gelten allein für ältere Arbeitslose wieder längere Bezugszeiten (von 15 Monaten für Arbeitslose ab dem 50. Lebensjahr bis zu 24 Monaten für Arbeitslose ab dem 58. Lebensjahr). Die Auswirkungen zeigen sich bei der Betrachtung der sozialen Absicherung der Arbeitslosen. Zwei Drittel der Arbeitslosen erhalten nur Leistungen nach dem SGB II (Arbeitslosengeld II), ein Drittel Leistungen nach dem SGB III (die „klassische“ Sozialversicherungsleistung, das „alte“ Arbeitslosengeld).

Re-Regulierung des Arbeitsmarktes?

Im Hinblick auf die Regulierung des Arbeitsmarktes wäre weniger die Diskussion um die Höhe der (steuerfinanzierten) Existenzsicherungsleistung von Bedeutung, als die Forderung nach einer Abschaffung der Sozialabgabenprivilegierung der geringfügigen Beschäftigung, der Ausdehnung der Bezugsdauer der (beitragsfinanzierten) Sozialversicherungsleistung, dem Arbeitslosengeld, einer Begrenzung der Leiharbeit und der Eindämmung des Niedriglohnsektors durch einen gesetzlichen Mindestlohn[25]. Denkbar ist auch eine gesetzliche Begrenzung der Zulässigkeit von befristeten Beschäftigungsverhältnissen. Eine Re-Regulierung des Arbeitsmarktes erfordert gesetzliche Eingriffe. Die Möglichkeiten tarifvertraglicher Normierung sind begrenzt. Zwar könnte die gesetzlich geregelte Zulassung der sachgrundlosen Befristung bis zur Dauer von zwei Jahren durch Tarifverträge untersagt oder begrenzt werden (so früher im Geltungsbereich des Bundesangestellten-Tarifvertrages, BAT). In der Leiharbeit könnte durch die Verweigerung des Abschlusses verschlechternder Tarifverträge die Geltung des equal-pay-Gebots durchgesetzt werden. Eine umfassende Strategie der Zurückdrängung „atypischer“ Beschäftigung durch tarifvertragliche Regulierung ist jedoch weder erkennbar noch faktisch durchsetzbar.

Letztlich könnte sich indes erweisen, dass das regulierte „Normalarbeitsverhältnis“ eine Erscheinungsform des „goldenen Zeitalters“ des Kapitalismus (Eric Hobsbawm) war und es unter den gegenwärtigen Bedingungen eine Rückkehr zu dieser geregelten Form der Lohnarbeit als prägende Erscheinungsform nicht geben wird, sondern die Gewerkschaften eine Antwort auf die Herausforderung eines gespaltenen Arbeitsmarktes werden finden müssen.



[1] Vgl. Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme – Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München Wien 1995, S. 324-362.

[2] Vgl. Gerhard Bosch: Hat das Normalarbeitsverhältnis eine Zukunft?, WSI-Mitteilungen 1986, S. 163-176; Ulrich Mückenberger: Die Krise des Normalarbeitsverhältnisses – hat das Arbeitsrecht noch Zukunft?, Zeitschrift für Sozialreform 1985, S. 415-434, S. 457-475.

[3] Vgl. Robert Castel, Klaus Dörre (Hrsg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt am Main/New York 2009.

[4] André Gorz: Kritik der ökonomischen Vernunft, Berlin (West) 1989, S. 98.

[5] Wolfgang Lecher: Überleben in einer veränderten Welt. Ein Konzept für die zukünftige Arbeit der Gewerkschaften, in: DIE ZEIT, Nr. 18, 16.4.1985, S. 44 f.; zitiert nach André Gorz: Kritik der ökonomischen Vernunft, Berlin (West) 1989, S. 103.

[6] Statistisches Bundesamt, Niedriglohn und Beschäftigung 2010, Wiesbaden 2012, S. 5 (www.destatis.de)

[7] Vgl. die Beiträge in dem Schwerpunktheft 8/2011 „Prekarisierung der Arbeit – Prekarisierung im Lebenszusammenhang“ der WSI-Mitteilungen 2011, S. 377 ff.

[8] Statisches Bundesamt, Eckzahlen zum Arbeitsmarkt, www.destatis.de

[9] Vgl. Karl Brenke, Allein tätige Selbständige: starkes Beschäftigungswachstum, oft nur geringes Einkommen, DIW-Wochenbericht Nr. 7/2013.

[10] Vgl. Herbert Brücker, Sabine Klinger, Joachim Möller, Ulrich Walwei (Hrsg.): Handbuch Arbeitsmarkt 2013, S. 41-45.

[11] Auf 100 Prozent kommt man, wenn noch die „Sonderformen der Erwerbsarbeit“ berücksichtigt werden, das sind Auszubildende, mithelfende Familienangehörige, Zeit- und Berufssoldaten, Wehr- und Zivildienstleistende, Personen ohne Angaben zur Fristigkeit des Arbeitsvertrages.

[12] Herbert Brücker, Sabine Klinger, Joachim Möller, Ulrich Walwei (Hrsg.): Handbuch Arbeitsmarkt 2013, S. 47.

[13] Statistisches Bundesamt: Niedriglohn und Beschäftigung 2010, Wiesbaden 2012, Tabelle 1.1, Tabelle 1.2, S. 5-7 (www.destatis.de)

[14] Vgl. Berndt Keller und Hartmut Seifert: Atypische Beschäftigungsverhältnisse – Stand und Lücken der aktuellen Diskussion, WSI-Mitteilungen 2011, S. 138-145; Berndt Keller, Susanne Schulz, Hartmut Seifert: Entwicklungen und Strukturmerkmale der atypisch Beschäftigten in Deutschland bis 2010, WSI-Diskussionspapier Nr. 182, Düsseldorf 2012.

[15] Entsprechende Reformvorschläge in einer Studie von 1994 verhallten weitgehend undiskutiert: Hildegard Matthies, Ulrich Mückenberger, Claus Offe, Edgar Peter, Sibylle Raasch: Arbeit 2000 – Anforderungen an eine Neugestaltung der Arbeitswelt. Eine Studie der Hans-Böckler-Stifung, Reinbek 1994.

[16] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 13.11.2012 – 392/12, www.destatis.de

[17] Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarktberichterstattung: Der Arbeitsmarkt in Deutschland, Zeitarbeit in Deutschland – Aktuelle Entwicklungen, Nürnberg 2013.

[18] http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Themen/Beschaeftigung/Geringfuegig-Beschaeftigte/Geringfuegig-Beschaeftigte-Nav.html

[19] Vgl. Thomas Körner, Holger Meinken, Katharina Puch: Wer sind die ausschließlich geringfügig Beschäftigten? Eine Analyse nach sozialer Lebenslage, in: Wirtschaft und Statistik 2013, S. 42-61.

[20] Vgl. Christian Hohendanner und Jens Stegmaier: Umstrittene Minijobs, IAB-Kurzbericht 24/2012, www.iab.de

[21] Die Daten beruhen auf den Erhebungen des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit, dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB); Herbert Brücker, Sabine Klinger, Joachim Möller, Ulrich Walwei (Hrsg.): Handbuch Arbeitsmarkt 2013, IAB-Bibliothek Band 334, S. 167.

[22] Vgl. zu den Daten Herbert Brücker, Sabine Klinger, Joachim Möller, Ulrich Walwei (Hrsg.): Handbuch Arbeitsmarkt 2013, IAB-Bibliothek Band 334, S. 167-173.

[23] Vgl. die Gesetzesbegründung Bundestags-Drucksache 14/4374, S. 14.

[24] Herbert Brücker, Sabine Klinger, Joachim Möller, Ulrich Walwei (Hrsg.): Handbuch Arbeitsmarkt 2013, IAB-Bibliothek Band 334, S. 168.

[25] Vgl. dazu der Verfasser: Thomas Lakies, Ein gesetzlicher Mindestlohn zur Regulierung des Niedriglohnsektors, www.gegenblende.de Ausgabe 20-2013.


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

Sebastian schrieb am 25. Juli 2013 um 22:01 Uhr:

ich meine, der Arbeitsmarkt ist - mal wieder - im Umbruch. In diesemSinne würde ich dem letzten Satz des Artikels voll zustimmen.

Versager schrieb am 22. Juli 2013 um 15:30 Uhr:

Staatliche Eingriffe in den Arbeitsmarkt sind einzig dann gerechtfertigt, wenn Dritte abseits von dessen ansonsten universal ökonomisch-gesellschaftlich wirksamen Mechanismen unzulässig exklusive Zugangswege versuchen zu etablieren und auf diese Weise den von der Arbeiterbewegung bislang in dieser Frage soziostrukturell verwendeten Begriff des Closed Shop ad absurdum führen. Sind keine solchen überaus feudalistischen Praktiken vorfindlich, darf es gemäß der dadurch freiheitlich und demokratisch gewährleisteten Grundordnung keine hoheitlichen Eingriffe geben ohne seinerseits besagtes Fehlverhalten selbst zu perpetuieren.

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