Gegenblende – Das Debattenmagazin | Ausgabe 25: Januar/Februar 2014 | Warum der neoliberal radikalisierte Kapitalismus nun auch die Qualität der Technik zu ruinieren beginnt

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Sonntag, 12. Januar 2014

Warum der neoliberal radikalisierte Kapitalismus nun auch die Qualität der Technik zu ruinieren beginnt

von: Dr. Wolfgang Neef
Brücke im Bau

JoeEsco / photocase.com

Der Kapitalismus – und gerade die neoliberal radikalisierte Variante, die wir seit dem Untergang des »Realen Sozialismus« erleben – hat auch bei seinen Kritikern den Ruf, ein außerordentlich effektives System zu sein, insbesondere was die Entwicklung technischer Artefakte betrifft. Er hat, insbesondere seit Beginn des 20. Jahrhunderts, in der Tat eine Vielzahl von Technologien hervorgebracht, die in den Industriegesellschaften einen fast schon religiös anmutenden Glauben an die technische Machbarkeit fast aller Zielsetzungen der »Moderne« verankert haben.

Allerdings können wir bei Marx auch nachlesen, dass die Produktionsverhältnisse im Kapitalismus ab einem bestimmten Entwicklungsstadium vom Treiber der Produktivkraft-Entwicklung zu deren Hemmschuh werden. Wenn man sich z.B. die Serie der Pannen bei Großprojekten in den letzten 15 Jahren vor Augen führt, fragt man sich, ob dieser Zustand inzwischen erreicht ist.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • 1998: ICE-Desaster in Eschede

  • Toll-Collect-Skandal

  • Transrapid

  • Berliner S-Bahn

  • Elbphilharmonie

  • Diverse Rückruf-Aktionen der Autoindustrie

  • Flughafen Berlin-Brandenburg

  • „Stuttgart 21“

Und das Problem ist nicht nur ein deutsches Phänomen: Fukushima liegt in Japan und Olkiluoto in Finnland, wo ein internationales Konzern-Konsortium seit 2003 einen Atomreaktor der neuesten, angeblich sicheren Generation baut, der schon seit 2 Jahren in Betrieb sein sollte, inzwischen doppelt so teuer wurde und, wenn überhaupt, nicht vor 2016 fertig wird.

In der Öffentlichkeit werden diese Blamagen meist unter der Überschrift verbucht: „Die Politik ist schuld“: Unfähige Politiker in Aufsichtsräten, ständige politisch begründete Eingriffe in die Planung, zu hohe Sicherheitsanforderungen und natürlich: Die Wutbürger machen eine schnelle, gute Planung und Ausführung immer unmöglich.

Aber auch auf der Ebene der Alltags-Technik finden sich immer häufiger Phänomene wie „Geplante Obsoleszenz“: Also Konstruktionen, die eine kurze Lebensdauer haben, nur schwer oder gar nicht reparierbar sind, für die nach kurzer Zeit keine Ersatzteile mehr zu haben sind: Kurz: Geräte, die bereits bei der Herstellung auf schnellen Verschleiß programmiert sind, um den Umsatz der Hersteller zu steigern.

Immer öfter hört man auch: Die Ingenieure haben versagt, die waren früher mal besser. Denn in der Tat: Vieles erscheint als deren Fehler – von den gebrochenen Radreifen im ICE über Kondensatoren, die an der wärmsten Stelle von elektronischen Geräten eingebaut sind bis zu den im Winter nicht schließenden Türen in neuen S-Bahn-Zügen. Dazu im folgenden ein paar Bemerkungen:

Im Kapitalismus stehen sich zwei Denkweisen und Methoden gegenüber und oft im Konflikt: Die der Ingenieure, die es mit den Naturgesetzen der Chemie und Physik zu tun haben, die man nicht umgehen kann und darüber hinaus den Tücken der Praxis ausgesetzt sind, die sich immer anders entwickelt, als die Theorie und die Berechnung es vorsieht. Auf der anderen Seite  stehen die Ökonomen, die nach den von Menschen gemachten „Gesetzen“ des Marktes, der Konkurrenz und der Rendite als einzigem Erfolgskriterium eines Unternehmens arbeiten. So lange beide Denkweisen ihren Platz in den Betrieben hatten, konnte man als Ingenieur zunächst einmal nach technischen Gegebenheiten und Notwendigkeiten handeln, um sich dann mit den Kaufleuten auseinander zu setzen, die die Entwicklung und Produktion möglichst kostengünstig halten und die Produkte am Markt absetzen müssen. Heraus kamen dann Produkte, die nach professionellen Grundsätzen entwickelt und konstruiert und für die meisten Menschen erschwinglich waren.

Seit etwa dem Jahr 1985, mit dem Beginn der neoliberalen Radikalisierung des Kapitalismus, hat sich dieses Gleichgewicht aber immer mehr zu Gunsten der Betriebswirtschaft verschoben. Meine Studenten berichten mir, dass in der Firma Siemens professionelle Ingenieurarbeit, die ihre Zeit braucht und nicht mit billigsten Mitteln arbeitet, als „Over-Engineering“ geschmäht wird. Es soll stattdessen um „Value-Engineering“ gehen, also Ingenieurarbeit, die primär den Unternehmenswert an der Börse – den „shareholder value“ - im Blick hat, möglichst geringe Kosten erzeugt und deshalb nach dem Prinzip „Quick and dirty“ vorgeht.

Sechs zentrale betriebliche Faktoren sind hierfür verantwortlich:

Konkurrenz

Sie „belebt das Geschäft“, wie das geflügelte Wort sagt – aber ist für die Technik immer öfter eher hinderlich. „Wir entwickeln an den Patenten der Konkurrenz vorbei – und damit meistens suboptimal“, berichtet mir ein Ingenieur aus der Automatisierungs-Technik. „Deshalb müssen wir uns immer mehr mit juristischen Kniffen auseinandersetzen, anstatt gute Technik zu machen“. Die Konkurrenz wird vom „Markt“ in die Betriebe getragen. Es werden ganze Abteilungen gegeneinander ausgespielt, um die billigste Lösung zu bekommen. Bei multinationalen Konzernen tritt man z. B. gegen Ingenieure in Weißrussland an. „Kostenkonkurrenz ersetzt Qualitäts-Konkurrenz“, stand auf den Ergebnistafeln der Gruppenarbeit einer Branchen-Tagung Bahntechnik der IG Metall im September 2013, denn „Entscheidungen werden zu 80% nach Kosten getroffen, kaum noch nach technischen Kriterien“. Zitat eines Siemens-Vorstandes: „Bleiben Sie mir mit der Technik vom Leib, ich hab besseres zu tun“.

Entfremdung und Kontrollwahn

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, soll schon Lenin gesagt haben. An diesem Prinzip ist schon der „Reale Sozialismus“ zu Grunde gegangen. Heute werden Unternehmen intern ähnlich umorganisiert: Unternehmensberater sorgen dafür, dass alle Spielräume der Beschäftigten möglichst beseitigt werden, um die Arbeitsprozesse „schlanker“ und kostengünstiger zu machen. Der moderne Manager regiert „top down“. Facharbeiter und Ingenieure aber identifizieren sich gerne mit ihrer Arbeit, sind stolz auf ihre Produkte und „ihren“ Betrieb. Wenn der nun aber nur noch auf Rendite getrimmt wird, die Ziele also nur kurzfristig ökonomisch gesetzt werden, geht diese Identifikation zwangsläufig verloren. Das „Controlling“, ursprünglich gedacht als Hilfe für die Beschäftigten, um Verlauf und Erfolg der Arbeit transparent zu machen, wird zum Zwangs-System, das die Kontrolle von Oben organisiert. „30% unserer Arbeitszeit verwenden wir, um diese Systeme zu betrügen – weil immer unrealistische Vorgaben umsetzen sollen“, sagt ein Ingenieur von Infineon. „Parole ist dann: TTV – Tarnen, Täuschen, Verpissen“, schilderte mir das ein IBM-Ingenieur schon vor 15 Jahren.

Outsourcing, Arbeit mit Subunternehmen, Zeit- und Leiharbeit

Besonders Großprojekte werden mit zahlreichen Sub- oder Sub-Sub-Unternehmen organisiert, mit z.T. schlecht bezahlten Leiharbeitern und Leih-Ingenieuren. So werden z.B. an der Baustelle des Atomkraftwerks Olkiluoto polnische Bauarbeiter für 2 € pro Stunde eingesetzt. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie engagiert diese Arbeiter sich für gute Qualität und Sicherheit ins Zeug legen. Inzwischen ist auch in den meisten Unternehmen der High-Tech-Branche die Zahl der Leiharbeiter erheblich – z.B. beschäftigt Airbus in Hamburg etwa 20% der Ingenieure in Leiharbeitsverhältnissen. Hier gilt: Kostenreduzierung um jeden Preis. Dazu gehört auch die Strategie, ältere Ingenieure – ab 45 gilt so jemand als älter – zu „entsorgen“: Ältere gelten als schwierig, ihre Erfahrung wird gering geschätzt. Wie nötig diese Erfahrung wäre, hat die Blamage von Daimler mit dem „Elch-Test“ der A-Klasse 1997 gezeigt: Man war stolz darauf, das jüngste Entwicklungsteam der Unternehmensgeschichte eingesetzt zu haben. Bloß das Auto kippte um. Die Strategie der Finanzmärkte ist seit den 90er Jahren ohnehin, erfolgreiche Unternehmen zu filetieren, an Investoren zu verhökern und anschließend mit harten Programmen der Kosten-Reduktion zu überziehen. Dazu setzt man einen neuen Typus von Vorgesetzten ein: Jung, alert, technisch unerfahren, mit 3-Jahres-Verträgen und der Vorgabe, die Kosten in dieser Zeit um 25% zu reduzieren. Qualifizierte Ingenieure, die sich mit solchen Typen herumschlagen müssen, resignieren oder gehen.

Überschätzung der Computer

Computer sind heute scheinbar unendlich leistungsfähig. Schon in den 1980er Jahren glaubte man daher in Managementkreisen, endlich die Abhängigkeit von erfahrenen und hoch qualifizierten Ingenieuren und Facharbeitern loswerden zu können und die „menschenleere, vollautomatische Fabrik“ zu bauen: mit Computer-Integriertem Management (CIM). Ein Ergebnis dieser Strategie sind die sogenannten „CIM-Ruinen“. Erfahrene Ingenieure wissen, dass Computer nicht denken, sondern nur rechnen können. Das hindert das Management nicht daran, immer wieder neue Systeme für teures Geld anzuschaffen, weil die Systemhäuser ihnen nun endlich die ultimativen Wunderwaffen versprechen, um auch die komplexesten Systeme zu beherrschen. Neue Anforderungen? Kein Problem, die werden einprogrammiert. Dummerweise gelten aber in der Praxis der Technik immer noch die „Murphyschen Gesetze“: „Was schief gehen kann, geht schief“.

Beschleunigung

Seit Jahren hören wir, dass alles immer schneller geht. In der Tat: Immer schneller wachsen die Schulden und Zinsen, mathematisch als Exponentialfunktion, und so glauben die Finanzjongleure tatsächlich, dass das auch für die Technikentwicklung so geht bzw. gehen muss. Nur: Weder die Natur, noch die Menschen, noch die Technikentwicklung sind beliebig zu beschleunigen. Ein Beispiel: Die für die großen Windräder erforderliche „aktive Magnetlagerung“ der Generatoren brauchte 25 Jahre, bis sie von den ersten wissenschaftlichen Erkenntnissen bis zur Industrie-Reife gediehen war. Kaum ein Unternehmen hat aber heute einen Planungs-Horizont, der über 3 Jahre hinausgeht. Deshalb wurden solche Entwicklungen in der Windkraft von den kleinen und mittleren Unternehmen geleistet. Die Großen versuchen dann, das „Know How“ durch Aufkaufen zu erwerben, weil sie die Entwicklungszeit nicht investieren wollen. Sie kaufen damit aber weder die kreativen Strukturen der Kleinen noch die Facharbeiter und Ingenieure, ohne deren Erfahrung das „Know-How“ nicht funktioniert, denn die werden mit neuen Vorgesetzten und neuen Organisationsstrukturen konfrontiert und oft demotiviert. „Wir sind stolz, trotz des Managements noch gute Arbeit abzuliefern“, sagen einige der Übrig-Gebliebenen nach der Übernahme, oder gehen in die innere Emigration.

Korruption, kriminelle Geschäftsmethoden

Unter dem schönen Titel »Schurkenwirtschaft« hielt der Anti-Mafia-Staatsanwalt Roberto Scarpinato aus Palermo am 5. Februar 2010 in Karlsruhe unter massivem Polizeischutz einen Vortrag. Seine wesentliche These lautet: Die Grenzen zwischen der kapitalistisch und global organisierten Wirtschaft und dem organisierten Verbrechen sind seit der radikalen, neoliberalen Deregulierung der Märkte und der Finanzwirtschaft fließend und weder von der Politik noch von der Justiz beherrschbar. „Man feiert den Triumph des globalen Kapitalismus, an dem die Mafia und das internationale Verbrechen entscheidenden Anteil nehmen… Die Auswüchse der Wirtschaftskriminalität in den Chefetagen der internationalen Konzerne, die die Weltwirtschaft bestimmen, verursachen weit größere und schwerer zu behebende Schäden als andere Verbrechen“. So erscheint die These von Adam Smith über die »Unsichtbare Hand« im richtigen Licht. War schon die Idee, die individuellen Egoismen addierten sich auf wundersame Weise zum Gemeinwohl, eine Beleidigung für den gesunden Menschenverstand, so erweist sich empirisch, dass sie schnurstracks in die Kriminalität führt. Das Abrutschen von Unternehmen und Unternehmensstrategien in die Kriminalität ist die direkte Folge eines ruinösen Kostenwettbewerbs.

Fazit

Es zeigt sich also bei der Betrachtung der wesentlichen Paradigmen des globalisierten Kapitalismus, dass sie in der Realität nachhaltig kontraproduktiv wirken, weil sie die sozialen und die biologisch-physikalischen Bedingungen menschlicher Existenz nicht abbilden, sondern sie als beliebig manipulierbare Faktoren ansehen. Aber die stofflichen Bedingungen technischer Artefakte sind – im Gegensatz zu den von Menschen gemachten ökonomischen Konstruktionen – von Naturgesetzen abhängig und nicht unbegrenzt verfügbar.

Wir brauchen also eine Technik, die nicht der Vermehrung von Geld und einem verrückten Wachstumswahn dient, sondern sozialen und ökologischen Zielen. Eine Technik, die wieder dem altmodischen, ehrlichen Kaufmannsdenken statt wirtschaftskriminellen Bestrebungen verpflichtet ist. Eine Technik, die Computer als Hilfe und nicht als Herrschaftsinstrument entwickelt und einsetzt. Eine Technik, die die Arbeit statt in undurchschaubar verflochtenen, riesigen Rendite-Maschinen demokratisch und in überschaubaren Strukturen organisieren hilft. Eine Technik, die wieder Ruhe und Gelassenheit statt Rattenrennen im Hamsterrad ermöglicht. Eine Technik, die mit Begeisterung für den Menschen und unsere natürliche Mitwelt arbeitet und das solidarisch, in Kooperation statt Konkurrenz. Also so ziemlich das Gegenteil von dem, was die herrschende Ökonomie immer noch lehrt. 


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Kommentare zu diesem Artikel

KOMMENTARE

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stephan frigg-kossien schrieb am 20. Februar 2014 um 05:40 Uhr:


giuseppe bergman schrieb:
Wie stets bei derartigen Betrachtungen behandelt der Artikel die Symptome anhand einer Reihe negativer Auswirkungen auf das industrielle Wirtschaften in epischer Breite, während das Grundproblem ausgespart wird: im selben Augenblick, in welchem die Ingenieurskunst den Boden der sauber kalkulierten, reinen Kostendeckung beim angestrebten technischen Ziel verlässt, um sich stattdessen mit dem nichttechnischen "Ziel" der Profitherstellung überhaupt auseinanderzusetzen, ist der Kampf um die höchste Qualität sowohl der Produktionsprozesse (einschliesslich angemessener Entlohnung) als auch der Produkte bereits verloren.
Das betriebswirtschaftliche Controlling kann gar nichts, wenn es um technische Grundlagen, Abläufe, Erzeugnisse geht.
Was das Controlling hingegen gut kann sind innerbetrieblicher Kannibalismus und "Lohnstückkosten" genannte Menschenverachtung.
Ebenso kann das Marketing gar nichts, wenn es um Technik geht, nicht einmal ihre angebotenen Produkte ordentlich erklären.
Die kontraproduktive, stellenweise menschenverachtende Vorherrschaft der Profiteure über die Ingenieure lässt sich nur auf eine einzige Art brechen: Durch glaubwürdige Kriminalisierung jeglicher Profitinteressen jenseits einer grosszügigen Kostendeckung.
Wer die Gesellschaft wieder zusammenführen will, dafür die Einkommens- und Vermögensschere schliessen und alle Teilnehmer der Gesellschaften "mitnehmen", der muss sich zu einem deutlichen und generellen Verzicht auf profitorientierte Partikularinteressen durchringen und diesen Verzicht selbstverständlich ebenso deutlich sanktionieren.
Anderenfalls bleibt jede Klage über die Verhältnisse reine Heuchelei.

gratulation, volltreffer ! ich dachte schon, diese erkenntnis hätte sich von unserem planeten verflüchtigt.
die scheingefechte von wirtschaft, politik und medien sind ein armutszeugnis und ergeben ein bild über den selbst-lobotomisierten intellekt der protagonisten. es ist zum fürchten, wie diese 'eliten durch selbstproklamation' fern der realität irrlichtern und als wie vernunftgeleitet deren handeln in den medien dargestellt wird, jederzeit und wie durch zauberhand. in wirklichkeit wird verfügt durch die wirkkräftige hand eines systems autoritärer machtstrukturen und ihrem streben nach nicht hinterfragbarer allmacht. jede störung, sprich opposition oder gar rebellion, wird dadurch neutralisiert und nivelliert indem sie ins system vereinnahmt wird. fast wie in der thermodynamik, wo eine zugeführte menge mit temperaturunterschied, die differenz sofort durch den ausgleich mit dem vorherrschenden zustand beseitigt wird und danach wieder alles auf einheitlichem niveau verweilt.
kann man diese 'verhexte' schieflage, die mich fast ein wenig an das gedicht 'der zauberlehrling' erinnert, überhaupt zeitnah und ohne raserei, zivilisiert zu einem gerechten, zukunftsfrohen zustand hin, formen ?

Alex Schmitt schrieb am 16. Februar 2014 um 17:23 Uhr:


Wolfgang Neef schrieb:


Lieber Herr Neef,
ich verstehe ihren Standpunkt, lassen Sie mich darauf kurz antworten. Wir, damit meine ich alle Menschen, brauchen für unsere Aufgaben ein bestimmtes und glücklicherweise begrenztes Wissen, der Rest bleibt zum Glück im Verborgenem. Was gemeint war, das läßt sich besser mit dem Zitat aus "Zins, Kredit und Produktion" (1952!) von Wilhelm Lautenbach ausdrücken:
"Fest steht, daß solche Gesamtzusammenhänge bei der Analyse von Teilausschnitten der Wirtschaft häufig vernachlässigt werden, daß sie dort auch dann ohne Schaden vernachlässigt werden können, wenn die Rückwirkungen auf die Gesamtwirtschaft und von dort zurück auf den Teilausschnitt sehr gering sind.
Fest steht, daß auch die Erfahrungen der Praktiker vorwiegend an solchen Ausschnitten gewonnen sind. Die Betriebswirtschaftslehre von Industrie- oder Bankbetrieben kümmert sich mit Recht nicht allzusehr um diese Gesamtzusammenhänge. Ein Bankier wäre schlecht beraten, wenn er etwa aus dem Hahnschen Modell zur Erklärung der Kreditschöpfungsmacht der Banken (Plural!) herauslesen würde, er könne ganz unbekümmert Kredite gewähren, die nötigen Einlagen würden dann schon kommen !"
Warum beobachten wir diesen Niedergang der Technik, da ist Wilhelm Lautenbach sehr hilfreich:
"I. Bei der berühmten, häufig als vollkommenstes «demokratisches Instrument» gepriesenen Abstimmung der Konsumenten über die Richtung der Produktion haben die Konsumenten (höchst undemokratischerweise) entsprechend ihren unterschiedlichen Einkommen ein sehr ungleiches Stimmgewicht"
- Schauen wir auf das heutige Auseinanderlaufen der Vermögen und Einkommen, so wird sofort klar, daß keine Korrektur der Fehlentwicklung seitens der Bevölkerung mehr möglich ist - es fehlt schlicht die Massenkaufkraft, richtig konsumieren dürfen heute nur noch wenige 10% der Nutznießer, der Rest begnügt sich mit billig.
"9. Auch wo sehr ungleiche Kostenstrukturen vorliegen, fördert der Markt den Betrieb mit niedrigeren Durchschnittskosten, anstatt - wie es volkswirtschaftlich rational wäre - die Produktion demjenigen zu überlassen, der sie mit dem geringsten volkswirtschaftlichen Zusatzaufwand erstellen könnte".
"11. Fehlende zeitliche Tiefenplanung: Die «automatische» Produktionsplanung reicht nur über jene Periode, innerhalb der Investitionen Gelderträge abwerfen müssen, damit sie von den Kapitalgebern noch als «rentabel» betrachtet werden. Der Planungszeitraum der freien Marktwirtschaft reicht nur so weit, wie der Zeitraum, innerhalb dessen von den Kapitalkräftigen Gewinnmaximierung erstrebt wird."
- Nicht nur die Wahl der Produktionsstätte ist also oftmals falsch, sondern noch kurzfristigen Renditezielen unterworfen, eine tolle Marktwirtschaft ist das. Dazu das Versagen des Staates als regulierende Kraft, siehe die auseinanderlaufende Lohnentwicklung, und wir sind in dem Zustand, den Sie beschrieben haben.
Schlußwort hat wieder Wilhelm Lauterbach, er kannte vor 70 Jahren den Weg Deutschlands und dann der EU und letztendlich, Gott bewahre, der Welt.!
"3. a) Ein einzelnes Land habe die Absicht, seine Leistungsbilanz zu aktivieren, d. h. mehr zu exportieren als zu importieren. Man denkt in diesem Land also entweder merkantilistisch oder glaubt, man könne als einzelnes Land sich die (keynesianistisch!) segensreichen Wirkungen von zusätzlichen Exporten zur Hebung der «Beschäftigung» zunutze machen. Es mag u. U. sein Ziel erreichen.
b) Alle Länder wollen (primitiv keynesianistische d. h. «merkantilistische») Beschäftigungspolitik treiben und mehr exportieren als importieren. Es ist wieder von vornherein klar, daß sie nicht zum Ziele kommen werden. Grundsätzlich theoretisch gibt es hier zwei Möglichkeiten. Entweder betreiben alle Staaten aktive Exportförderung und lassen die Importe frei: In einem Taumel internationaler Austauschlust wird das Gesamtexportvolumen steigen, ohne daß in summa irgend jemand mehr exportiert als importiert hätte. Oder aber -und das ist das Wahrscheinlichere und leider immer wieder historisch Gegebene: Man wird zur Gewinnung eines aktiven Leistungsbilanzsaldos die Importe zu beschränken suchen. Damit kann auch kein Land mehr seinen Export steigern. Im Gegenteil. Das allgemeine Streben nach einer Differenz zwischen Export und Import wird das Gesamtaustauschvolumen kumulativ zurückgehen lassen. Das Ergebnis ist Kampf um Absatzmärkte, internationaler Konkurrenzneid, Krieg zunächst aller gegen alle und schließlich vielleicht «Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus»!"
Auf dem Weg sind wir gerade und die Zeit läuft ab.
Freundliche Grüße

Wolfgang Neef schrieb am 9. Februar 2014 um 20:17 Uhr:


Alex Schmitt schrieb:
Es zeigt sich wieder, daß in ein Ingenieur keine Ahnung von dem Geldsystem und Wirtschaftssystem hat. Sonst könnte er nicht schreiben: "Immer schneller wachsen die Schulden und Zinsen, mathematisch als Exponentialfunktion," ...
Der zweite Irrtum :"„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, soll schon Lenin gesagt haben. An diesem Prinzip ist schon der „Reale Sozialismus“ zu Grunde gegangen."
Der Autor hat das Prinzip des realen Sozialismus nicht begriffen, daran scheitert oft die Diskussion.
Lieber Herr Schmitt,
dass Zinsen und Zinseszinsen eine Exponentialfunktion formen, darum gings mir, nicht um tiefschürfende Analysen des Geldsystems. Denn: "Wertschöpfung" erfolgt durch die "Realwirtschaft", und wenn die dem Rendite- bzw. Zins-Imperativ folgen muss, muss sie ebenfalls exponentiell wachsen. Das tut sie auch, und die Folgen kann man nicht nur in den ständigen Beschleunigungsversuchen aller Arbeits- und Konsumprozesse beobachten, sondern auch in den Emissionen z.B. von Klimagasen: Die wachsen ebenfalls exponentiell. Und da steckt das Problem: Wenn wir dem Imperativ einer virtuellen Größe (Geld) folgen, stolpern wir über Physik und Biologie, die exponentielles Wachstum unmöglich machen.
Zu Lenin: Mich interessieren in diesem Zusammenhang nicht die Investititionsentscheidungen und wer sie trifft, sondern die immer wiederkehrenden Versuche, Menschen so zu disziplinieren, dass sie einem top-down-Regime gehorchen. Da liegt die Gemeinsamkeit von Kapitalismus und "Realem Sozialismus": Es wird von oben Innovation, Einfallsreichtum, Engagement etc. befohlen - das geht aber nur, wenn die Menschen ein hohes Maß an Freiheit im Arbeitsprozess haben. Lenin war ein Fan von Taylor, der Arbeitsprozesse von "oben" wissenschaftlich ausklügeln und optimieren und dann den Arbeitern bis zum letzten Handgriff vorschreiben wollte, was sie zu tun haben.
Frdl. Gruß Wolfgang Neef

Alex Schmitt schrieb am 17. Januar 2014 um 14:36 Uhr:


Marco schrieb:
Das ist leider nicht richtig und der Ingenieur hat anscheinend doch Ahnung vom Geldsystem. Die Geschäftsbanken haben die Möglichkeit zur Geldschöpfung und ihre Kreditwünsche werden durch die EZB derzeit zu 100% erfüllt. Somit können sie Kredite vergeben, unabhängig von den Einlagen. Dass die Banken, das derzeit nicht im gewünschtem Maße tun, liegt an den Konjunkturaussichten und den verschärften Eigenkaptialrichtlinien durch Basel III. Nicht zuletzt deshalb wurde der Hauptrefinanzierungssatz (Leitzins) durch die EZB auf 0,25% gesenkt.
Warum weisen die Amerikaner seit Jahren keine Geldmenge M3 mehr aus?

Es liegt ein Mißverständnis vor. Es ist richtig, daß die Schulden und Einlagen(Ersparnisse) sich IMMER zu NULL addieren. Auch wenn die Banken von der Geldschöpfung Gebrauch machen und ohne vorherige reale Ersparnis Kredite vergeben, so stehen in der Bankbilanz ein Kredit (Schuld) und ein gleich hohes Guthaben beim Empfänger. In Summe sind diese Luft-Kredite plus Luft-Guthaben wieder Null. Man kann sich aber zum Glück was schönes dafür kaufen! Hier kann jeder genau nachlesen wie das funktioniert und sogar gut für uns alle sein könnte:
http://www.flassbeck-economics.de/kredite-aus-dem-nichts-teil-i-wo-bleibt-da-die-uebereinstimmung-von-ersparnissen-und-schulden/
Die Geldmenge M3 - nun, die Amerikaner leben seit Jahren über ihre Verhältnisse und die explodierende Summe der Verbindlichkeiten gegenüber der Gläubigerländer wäre in der Geldmenge M3 sichtbar geworden. Die Auseinandersetzung um die Erhöhung der Schuldengrenze läßt jeden doch erahnen, welcher zusätzlicher Druck auf die US-Regierung nach der Veröffentlichung der kumulierten Außenhandelsdefizite entstehen würde. Es wäre der Supergau für die US-Regierung und Fed. Diese M3 Geldbestände liegen nicht mehr unter Kontrolle der Fed!

Marco schrieb am 16. Januar 2014 um 14:14 Uhr:

Das ist leider nicht richtig und der Ingenieur hat anscheinend doch Ahnung vom Geldsystem. Die Geschäftsbanken haben die Möglichkeit zur Geldschöpfung und ihre Kreditwünsche werden durch die EZB derzeit zu 100% erfüllt. Somit können sie Kredite vergeben, unabhängig von den Einlagen. Dass die Banken, das derzeit nicht im gewünschtem Maße tun, liegt an den Konjunkturaussichten und den verschärften Eigenkaptialrichtlinien durch Basel III. Nicht zuletzt deshalb wurde der Hauptrefinanzierungssatz (Leitzins) durch die EZB auf 0,25% gesenkt.
Warum weisen die Amerikaner seit Jahren keine Geldmenge M3 mehr aus?

Alex Schmitt schrieb:
Es zeigt sich wieder, daß in ein Ingenieur keine Ahnung von dem Geldsystem und Wirtschaftssystem hat. Sonst könnte er nicht schreiben: "Immer schneller wachsen die Schulden und Zinsen, mathematisch als Exponentialfunktion," - auf dieser Welt, in unserem Geldsystem sind Schulden immer gleich Ersparnisse.

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Dr. Wolfgang Neef
Geboren 1943 in Tübingen

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